Region: Aichach|Friedberg

Osttangente ist Geschichte: Naturschutz oder Wahlkampfmanöver?

Über den Lech (links) und durch das Lechfeld bei Kissing wird keine Trasse geplant. Stattdessen soll zunächst die Auenstraße entlang der Bahnlinie (rechts) ertüchtigt werden und den Verkehr von der B 2 zwischen Augsburg (im Hintergrund) und dem Markt Mering an Kissing vorbei leiten. Diese Lösung stößt auf breite Zustimmung.

Die Pläne für die lang diskutierte Osttangente bei Kissing sind seit Freitag offiziell „beerdigt“, um mit den Worten des Meringer Landtagsabgeordneten Peter Tomaschko (CSU) zu sprechen. Naturschützer haben für den Erhalt des Lebensraums von Kiebitz, Kreuzenzian und Co in der Heidelandschaft gerungen, Landwirte den immensen Flächenverbrauch angeprangert. Ganz glauben wollen sie dem Frieden nicht. Wolfhard von Thienen, Sprecher des Aktionsbündnisses „Keine Osttangente“ etwa schließt ein Wahlkampfmanöver der CSU nicht aus.

Laut dem CSU-Bundestagsabgeordneten Hansjörg Durz hätten das Verkehrsministerium in München sowie das Staatliche Bauamt nach Jahren der Prüfung kürzlich endgültig grünes Licht gegeben. Eine Alternative zum vor über fünf Jahren angedachten Streckenneubau sei technisch realisierbar und über den Bundesverkehrswegeplan zu finanzieren.

Wenn also alles nach Plan laufe, soll der Verkehr auf der B 2, einer der wichtigsten Verkehrsachsen um Augsburg, künftig nicht über eine komplett neue Trasse durchs Lechfeld, sondern auf der bestehenden Auenstraße westlich an Kissing vorbeigeleitet werden. Die besagte Strecke zwischen A 8 und Mering soll ertüchtigt, die bestehende Kreisstraße AIC 25 von der Autobahnanschlussstelle nach Friedberg vierspurig ausgebaut und zur Bundesstraße hochgestuft werden.

Die Stadt Friedberg soll im Gegenzug die Möglichkeit haben, die B 300 im Ortsinneren auf eine Kreis- oder Ortsstraße herabstufen zu lassen. Somit soll die Stadt mehr Handlungsspielraum haben, die Verkehrsbelastung zu reduzieren, etwa durch eigene Geschwindigkeitsbegrenzungen, die bisher in den Zuständigkeitsbereich des Bundes beziehungsweise des Staatlichen Bauamts in Augsburg fallen. Wer die A 8 bisher bei Dasing verlassen hat und über Friedberg in den Landkreissüden fahren wollte, soll mit dem Streckenausbau eine Anschlussstelle weiter westlich schneller ans Ziel kommen und nicht mehr durch Friedberg fahren.

Zudem entlastet die dann ertüchtigte Strecke eines Tages die B 17, die etwas weiter westlich quer durch die Fuggerstadt verläuft. Damit der Verkehr zwischen Autobahn und Mering allerdings ungehindert fließen kann, sollen zudem die Kreuzungen, etwa die von AIC 25 und B 300 oder von Chippenham-Ring und B 2, ausgebaut werden. Das könnte beispielsweise durch den Bau von Brücken geschehen wie an der Autobahnanschlussstelle Augsburg-Ost.

Hansjörg Durz sieht die sogenannte „kleine Lösung“ als „vollumfänglich im Einklang mit dem Beschluss des Kreistages vom 9. Juni 2016“. Die Verkehrsführung müsse für die Anwohner erträglicher gemacht und die Unfallschwerpunkte im Landkreissüden müssten entschärft werden. Zudem dürfe es keine autobahnähliche Trasse durchs Lechfeld und die dortigen Naturschutzgebiete geben.

Für deren Erhalt hatte sich auch das Aktionsbündnis „Keine Osttangente“ starkgemacht. Wolfhard von Thienen, selbst Grünen-Kreisrat aus Mering, wusste die Situation gestern nicht recht einzuordnen, wie er sagte. Einen solchen Kurswechsel in einem bundespolitischen Thema drei Monate vor der Bundestagswahl öffentlich zu machen, könnte seines Erachtens ebenso gut bloße Taktik sein. Dass Treffen zwischen den Politikern und Ämtern stattgefunden haben, bei denen das Bündnis nicht eingeladen war, kann er nicht nachvollziehen.

Den Vorwurf des Wahlkampfes dementierte gestern Peter Tomaschko, der auch keinen Kurswechsel erkennen kann. „Wir haben erreicht, was wir 2016 festgelegt haben“, sagte er. Christoph Eichstaedt vom Staatlichen Bauamt bestätigte: „Wir haben gesehen, dass wir die Verkehrsprobleme auch auf diese Weise lösen können, ohne südlich von Kissing zwischen Lech und Bahn eine neue Trasse zu bauen. „Landwirtschaft und Natur bleiben damit im Lechfeld erhalten“, ergänzte Tomaschko. Dass weder Naturschutz- noch Ackerflächen durchschnitten werden, freut Reinhard Herb. Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands im Landkreis Aichach-Friedberg, fand gestern deutliche Worte. „Mit der kleinen Lösung ist der Flächenverbrauch deutlich reduziert worden. Dem könnte man so zustimmen“.

Bei den Grünen im Landkreis Aichach-Friedberg ist die Stimmung optimistisch bis skeptisch. Man sei erfreut "über den Sinneswandel bei der CSU", sagt Stefan Lindauer, Kreisvorsitzender im Kreisverband Aichach-Friedberg. Denn eine vierspurige Autobahn durch ein Naturschutzgebiet laufen zu lassen, sei unvereinbar mit jeglichem Anspruch auf nachhaltigen Klimaschutz. Kritisch sehen die Grünen jedoch den vierspurigen Ausbau der Strecke zwischen Derching und Friedberg. Die AIC25 sei erst vor wenigen Jahren für viel Geld ausgebaut worden und Steuergelder nun zur Zeit der Corona-Pandemie an anderer Stelle besser angelegt. Zudem habe er Bedenken, ein "autobahnähnliches Konstrukt in die Frischluftschneise der Stadt Augsburg zu bauen", so Lindauer. Die Grünen wollen den Vorschlag der CSU nun zunächst prüfen.

Bevor es an die Planung geht oder gar Bagger rollen, werden die einzelnen Gremien aber in den Kommunen und im Landkreis gewiss ohnehin noch Monate diskutieren, erklärten die Verantwortlichen.

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