Region: Aichach|Friedberg

Corona, Ermittlungen gegen Klinik, Umgang mit Kritik: Landrat Klaus Metzger im Sommerinterview

Landrat Klaus Metzger vor dem Landratsamt. Dort soll der Erweiterungsbau für 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entstehen – falls die Preise nach der ersten Ausschreibung nicht zu hoch ausfallen. Dann kann der Kreistag noch die Reißleine ziehen.

Noch immer ist die Frage offen, ob vermeidbare Covid-Infektionen im Friedberger Krankenhaus Patienten gefährdet haben. Landrat Klaus Metzger erklärt im Sommerinterview, warum die Ergebnisse des Berichts noch immer nicht öffentlich sind und wie er rückblickend den Fall des versetzten Gesundheitsamtsleiters einschätzt. Er äußert sich außerdem zur Impfkampagne des Landkreises, für die er stark in der Kritik stand. Diese Kritik war in der Hochphase besonders in sozialen Medien auf eine Art und Weise formuliert worden, die dem 58-Jährigen an die Substanz ging. Die sehr ausgiebige Fragerunde zur Erweiterung des Landratsamts hat ihn an manchen Stellen geärgert. Die Erweiterung selbst hält er schon allein deshalb für nötig, um im Wettbewerb um gutes Personal punkten zu können.

Staz: Im Januar sind die Vorgänge rund um Corona-Infektionen im Friedberger Krankenhaus an die Öffentlichkeit gekommen. Es gibt Angehörige, die glauben, dass deshalb Menschen gestorben sind. Im April war der Bericht des Gesundheitsamtes dazu fertig. Die Öffentlichkeit hat noch immer nicht erfahren, was damals passiert ist. Können Sie noch einmal erklären, warum?

Landrat Dr. Klaus Metzger: Eigentlich war geplant, dass der Bericht möglichst schnell der Öffentlichkeit präsentiert wird. Dann kam die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und die hat gebeten, dass man von einer Veröffentlichung des Berichts Abstand nimmt, so lange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind. Es gibt die schutzwürdigen Interessen von Einzelnen – auch bei den Kliniken an der Paar. Deswegen war die Staatsanwaltschaft für mich nachvollziehbar der Meinung, ihn jetzt nicht zu veröffentlichen. Hinzu kommt: Es fehlt noch die Stellungnahme der Regierung von Schwaben zur Rolle des Gesundheitsamtes. Ich habe in jeder Pressekonferenz darauf hingewiesen, dass beide Seiten beleuchtet werden müssen.

Staz: Aber das Ganze hat nicht nur eine juristische Dimension, sondern auch eine menschliche. Und für die Angehörigen – und auch die Öffentlichkeit – ist die lange Dauer schwer nachzuvollziehen.

Metzger: Das ist absolut richtig. Aber es gilt, beide Seiten zu berücksichtigen. Ich habe auch zuletzt nochmal bei der Staatsanwaltschaft nachgefragt, und sie kann leider nicht sagen, wann das Ermittlungsverfahren abgeschlossen sein wird.

Staz: Sie kennen den Abschlussbericht des LGL längst. Sie werden uns bestimmt keine Details daraus verraten, aber denken Sie, er wird organisatorische oder personelle Konsequenzen haben?

Metzger: Selbstverständlich hat man fortlaufend organisatorische Veränderungen vorgenommen. Das hat Dr. Hubert Mayer, der Geschäftsführer der Kliniken an der Paar, bei den Pressekonferenzen auch immer wieder betont. Ständig wurden die Abläufe an die jeweils neuen Verordnungen angepasst, oft schon lange vor Inkrafttreten, einen Regelbetrieb gab es ja nicht mehr. In den Kliniken sind Fachleute, die wissen, was zu tun ist. Es gibt noch einen Punkt zwischen Krankenhaus und Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, der zu klären ist: Die Kliniken sind intern und mit externer Unterstützung im Bereich Hygiene gut aufgestellt, allerdings gibt es hinsichtlich der Bemessung unterschiedliche Auffassungen. Aber die Kliniken an der Paar wünschen sich ja selbst viel mehr Hygienepersonal, als sie es von den Krankenkassen aktuell finanziert bekommen.

Staz: Bisher haben Transparenz und Offenheit ihre Öffentlichkeitsarbeit bestimmt. In diesem Fall hat das nicht so gut funktioniert. Liegt das daran, dass die Kommunikation zwischen Gesundheitsamt, Kliniken und Landratsamt nicht eingespielt war?

Metzger: Das kann man so sagen. Solch eine Situation gab es ja noch nie. Man muss auch berücksichtigen: Alles, was die Kliniken an der Paar betrifft, kommunizieren die Kliniken an der Paar. Und das Gesundheitsamt als Staatsbehörde kommuniziert sowieso nicht direkt nach außen. Dass es zwischen Gesundheitsamt und Klinken nicht immer reibungslos funktioniert, hat sich in dieser Situation gezeigt, ist jedoch mit den unterschiedlichen Rollen erklärbar. Zudem sei an den Personalwechsel erinnert, der die Sache nicht einfacher gemacht hat.

Staz: Begonnen haben die Corona-Tumulte für Sie als Landrat ja schon früher. Im Sommer und im Herbst vergangenen Jahres sorgte ein relativ unbekannter Mediziner namens Dr. Friedrich Pürner für Erstaunen bei Pressekonferenzen, für die sich außer der Lokalpresse noch niemand interessierte. Mit deutlicher Kritik an den Schutzmaßnahmen des Bundes und des Freistaats machte Friedrich Pürner schließlich auch überregional von sich reden und wurde dann vom Freistaat Bayern abberufen und auf einem anderen Posten ruhig gestellt. Sie haben ihm bis dahin immer den Rücken freigehalten, auch wenn er Maskenpflicht an Schulen oder die Zuverlässigkeit der Tests in Frage stellte. Wollten Sie nur loyal sein, oder fanden Sie seine Aussagen richtig?

Metzger: Man macht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht öffentlich schlecht, das wird es bei mir nicht geben. Dr. Pürner hat wohl umgesetzt, was gefordert war. Es gab aber einen Punkt, von dem an es täglich zunehmend schwieriger wurde. Das hatte fraglos mit seiner forcierten Außendarstellung zu tun.

Staz: Er hat ab einem bestimmten Zeitpunkt also nicht mehr umgesetzt, was gefordert war?

Metzger: Jedenfalls hat er in der Öffentlichkeit, mit seinen Äußerungen auf Twitter und anderswo, ein völlig anderes Bild erweckt. Das ist dann für ein Amt auch eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Staz: Wobei der Vorwurf, dass da jemand mundtot gemacht werden soll, natürlich naheliegt.

Metzger: Das mag sein. Aber das ist ein Risiko, das die staatlichen Stellen wohl bedacht haben.

Staz: Ist es für Sie vorstellbar, dass Dr. Pürner als Gesundheitsamtsleiter wieder in Aichach-Friedberg arbeitet?

Metzger: Nein.

Staz: Kommen wir zum anderen Corona-Aspekt: den Impfungen. In den Wochen und Monaten, in denen sich die Menschen noch um eine Dosis gerissen haben, standen Sie in der Kritik wie noch nie seit Ihrem Amtsantritt. Das hatte schon mit den Vorfällen im Krankenhaus begonnen und nahm dann Fahrt auf. Der Hauptvorwurf: Im Landkreis Aichach-Friedberg konnten weniger Menschen geimpft werden als in anderen Kreisen. Tatsächlich hinkte das Wittelsbacher Land hinterher, allerdings meist nur um ein, zwei Prozent, manchmal aber auch mehr. Wieso war das so?

Metzger: Wir haben nicht langsamer geimpft. Die Vergleiche mit der Stadt Augsburg und den umliegenden Landkreisen waren immer töricht, weil die Altersstrukturen unterschiedlich sind, ebenso die Impfbereitschaft, die Größe der Priorisierungsgruppen oder die Dichte an Hausarztpraxen. Außerdem haben Hochinzidenzgebiete mehr Impfstoff bekommen. Mehr als alles verimpfen, was wir bekommen, geht halt nicht, und das haben wir immer gemacht. Keine einzige Impfdosis, die dem Landkreis zur Verfügung stand, ist liegen geblieben, bis jetzt zuletzt die Nachfrage eingebrochen ist.

Staz: Als Sie dann das erste Angebot, eine Sonderzuteilung Astrazeneca zu bekommen, nicht angenommen haben, erreichten die Vorwürfe – besonders in den sozialen Medien, aber nicht nur dort – ihren Höhepunkt. Stufen Sie die Entscheidung im Nachhinein als Fehler ein?

Metzger: Wir haben ja 800 Impfdosen Astrazeneca zu diesem Zeitpunkt bestellt, aber das Kontingent im Alltagsgeschäft miterledigt, statt intensiv zu trommeln: Wir verimpfen 800 Dosen Astrazeneca!

Staz: Es gab doch die Möglichkeit, mehr Astrazeneca zu bestellen, als das erste Extrakontingent zur Verfügung stand?

Metzger: Ja, man hätte noch mehr bestellen können. Wir haben uns dafür entschieden, so viel zu ordern, wie Anmeldungen im Portal hinterlegt waren und auch leistbar war. Das kann man natürlich kritisieren.

Staz: Inzwischen hat Aichach-Friedberg bei der Impfquote in Schwaben die Nase vorn. Ist das auch eine gewisse Genugtuung?

Metzger: Wir haben unsere Aufgaben immer verantwortungsbewusst erledigt. Dass es mal einen Ausschlag in die eine Richtung und nun in die andere Richtung gibt, liegt vielleicht in der Natur der Sache. Was aber teilweise an skandalisierender Berichterstattung passiert ist, fand ich erschreckend und belastend. Das gilt auch für den Ton mancher veröffentlichter Leserbriefe.

Staz: Alle Themen rund um Corona wurden immer sehr aufgeregt diskutiert. Spätestens bei dem Thema Sonderimpfaktion, aber auch zuvor schon bei den Vorfällen im Friedberger Krankenhaus kann man durchaus von einem Shitstorm sprechen, der über Sie als Landrat und ihre Behörde hereingebrochen ist. Kritik ist man in ihrem Amt ja gewohnt. Haben denn die Reaktionen und Kommentare bei diesem Thema noch einmal eine neue Qualität erhalten?

Metzger: Es gab Momente, in denen ich mich schon gefragt habe, ob es sinnvoll ist, auch auf Social Media immer direkt ansprechbar zu sein. So habe ich alles ungefiltert abbekommen. Und trotzdem: Diese direkte Ansprechmöglichkeit halte ich nach wie vor für richtig, will aber schon sagen, dass das belastend war. Gerade die schnellen Medien wie Messengerdienste verleiten offenbar Menschen dazu, respektlos Dinge rauszuhauen. Vermutlich denken sie: Dem geb‘ ich noch schnell eine mit, was soll schon passieren, vielleicht liest er es gar nicht, ich jedenfalls fühle mich gut dabei. Erst gestern habe ich in einem Fall sehr ausführlich geantwortet, der Schreiber war etwas verblüfft ... Ich werde trotzdem weiter auf diesen Kanälen ansprechbar bleiben. Ich denke, die Bürger wollen das und haben auch verdient, dass sie direkt gehört werden. Ich würde mir allerdings wünschen, dass das, was man Anstand nennt, auch in dieser Kommunikation aufrechterhalten wird.

Staz: Gerade beim Thema Impfungen und Krankenhäuser wurden sie in den sozialen Medien teilweise geradezu tödlicher Fehler bezichtigt. Es klingt in diesem Gespräch immer wieder durch, dass es Momente gab, in denen Sie sich von solchen Vorwürfen und Beleidigungen nicht frei machen konnten.

Metzger: Das, meine ich, ist menschlich. Mich lässt das absolut nicht kalt. Ich habe schon ganz intensiv mit mir gerungen, ob ich mir das antun muss. Auch, weil vieles, was ich gelesen habe, einfach falsch war. Und das wiederum hat zu Reaktionen geführt, die unangemessen waren. Das konnte ich nur schwer verkraften. Ich habe mich schon gefragt, was passiert, wenn ich jetzt sofort aufhöre. Aber: Davonlaufen gilt nicht.

Staz: Das sind offene Worte… und vielleicht der richtige Moment, das Thema zu wechseln. Verglichen mit Corona und allen Folgeerscheinungen ist die umstrittene Erweiterung des Landratsamts ja geradezu ein heiteres Thema.

Metzger: (lacht) Das ist ein heiteres Thema?

Staz: Vielleicht nur in Vergleich mit Corona… Die Erweiterung war eine wahrhaft schwere Geburt. Aktuell liegt die Kostenschätzung bei 21,6 Millionen Euro, davon 14,9 Millionen Euro für den Anbau und 6,7 Millionen Euro für die energetische Sanierung des Bestandsgebäudes. Es ist eigentlich immer so, dass wichtige Entscheidungen für den Landkreis mit großen Mehrheiten gefällt werden. Dieses Mal ist das mit 36:16 nicht der Fall. Wieso?

Metzger: Das ist leicht zu erklären: Es gibt im Landkreis die gute Tradition, dass wir alles für die Schulen geben. Das unterschreibe ich sofort. Aber irgendwann gibt es den Zeitpunkt, wo auch die Bedürfnisse der Menschen in der Verwaltung angeschaut werden müssen. Wir haben tatsächlich Bedarf, und dabei geht es nicht nur um die Raumgrößen, es geht auch um den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das ist es aber nicht allein: Wir haben eine ganze Liste unbesetzter Stellen. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Kräfte auf dem Markt nicht zur Verfügung stehen. Aber wir erleben auch häufig, dass diejenigen Bewerber, die wir favorisieren, absagen und sich für einen anderen, attraktiveren Arbeitsplatz entscheiden – was auch mit Räumen zu tun hat. Dafür nehmen sie unter Umständen auch weitere Wege in Kauf. Ein weiterer Grund für die Debatten rund um die Erweiterung war ja der Vorwurf, der Landrat realisiere hier ein Prestigeprojekt für sich. Mit Verlaub: Wer meint, man profiliere sich mit Bauten, hat ein merkwürdiges Verständnis vom Amt.

Staz: Gebaut werden soll ja nicht nur am Landratsamt. Gerade war die Grundsteinlegung der Vinzenz-Pallotti-Schule in Friedberg, die FOS/BOS soll erweitert werden, die Realschule Aichach muss saniert werden – was bedeutet das alles für die Landkreisfinanzen bei den stetig steigenden Baupreisen?

Metzger: Die Landkreisfinanzen wurden in der Vergangenheit am stärksten durch die Kliniken an der Paar belastet. So wie es sich momentan darstellt, sind die Klinken wirtschaftlich auf einem guten Weg, das Defizit bewegt sich in einem vernünftigen Rahmen. Allein das führt schon dazu, dass der Landkreis liquider und in der Aufstellung des Haushalts flexibler ist. Das sind einige Millionen, die frei werden. Natürlich muss das kombiniert werden mit einer Entlastung der Kommunen sowie wohl steigenden Ausgaben beim Bezirk. Ich bin zuversichtlich, dass alles funktioniert.

Staz: Herr Metzger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Carina Lautenbacher und Dr. Berndt Herrmann

Kommentare

Anmelden um Kommentare zu schreiben

 


X