Region: Aichach|Friedberg

Balkonien statt Gardasee wegen „auffälligen“ PCR-Tests: Aichacher Familie kritisiert Corona-Testung

Das Corona-Testzentrum in Aichach.

Eigentlich wollte Familie Schmidt aus Aichach (Name von der Redaktion geändert) in den Urlaub fahren, eine Woche Gardasee, der langersehnte Jahresurlaub. Doch aus dem Traum im Süden wurde nichts. Statt in Bardolino oder Sirmione ein Eis zu schlecken, hocken die vier Aichacher, Mama, Papa und die beiden Kinder, seit mehr als einer Woche zu Hause. Das Grundstück verlassen dürfen sie nicht, da mag das Wetter noch so schön sein.

Der Grund für den unfreiwilligen Hausarrest: Die Familie hat sich am Montag vergangener Woche an der Teststation am Kreisgut auf Corona testen lassen. Das Ergebnis: Bei der 32-jährigen Mutter wurde SARS-CoV-2 nachgewiesen. Obwohl bei der Frau keine besonders hohe Viruslast gefunden wurde, fiel der Corona-Test positiv aus, der Befund des Labors lautete auf „auffällig“.

Bei ihrem gleichaltrigen Ehemann war das Ergebnis des PCR-Tests hingegen negativ, ebenso bei der sechsjährigen Tochter. Das Aichacher Gesundheitsamt ordnete für die Familie in der Folge eine 14-tägige Quarantäne beziehungsweise Isolation an. So weit, so regelkonform. Schließlich gilt in Bayern laut Allgemeinverfügung: Wer bei einem PCR- oder Antigentest positiv auf Corona getestet wird, ist verpflichtet, sich unverzüglich in Isolation zu begeben.

Was den Aichachern jedoch bitter aufstößt: Bis zum gestrigen Tag ist die Familie symptomfrei. Das mag damit zusammenhängen, dass der sogenannte Ct-Wert bei der zweifachen Mutter laut Laborbefund bei 32,06 lag. Dazu muss man wissen, dass laut Robert-Koch-Institut Infizierte bei Ct-Werten von über 30 eigentlich nicht mehr in der Lage sein sollten, andere anzustecken.

Im Gespräch mit der Stadtzeitung erklärt der Familienvater: Drei Tage nach der ersten Testung habe die Familie am Donnerstag, 2. September, noch einmal einen Abstrich machen lassen, wieder am Kreisgut. Das Ergebnis war bei allen drei getesteten Familienmitgliedern, der vierjährige Sohn muss sich noch nicht testen lassen, negativ.

Im Oktober vergangenen Jahres hat sich die zweifache Mutter schon einmal mit Covid-19 infiziert. Auch damals musste die gesamte Familie in häusliche Quarantäne.

„Wir haben zwischenzeitlich noch mehrere Schnelltests gemacht, die alle negativ waren“, berichtet der Aichacher. Das Gesundheitsamt blieb dennoch bei seiner Entscheidung: Die Isolation der Aichacher endet erst frühestens nach 14 Tagen. „Am kommenden Sonntag muss sich die komplette Familie noch einmal abschließend testen lassen“, sagt der 32-Jährige, der Frust ist ihm deutlich anzuhören. Er sei selbstständig, könne in seinem Beruf kein Homeoffice machen.

Die Anzahlung für den Stellplatz in Italien kann die Familie nun in den Wind schreiben. Nachholen können die Aichacher die Sommertage in Italien auch nicht, weil „die Tochter nächste Woche in die Schule muss, natürlich nur, wenn die Ergebnisse bei allen negativ sind“. Was den zweifachen Vater zusätzlich in Rage bringt: Beim Abschlusstest am Sonntag soll der vierjährige Bub mit einem Stäbchen in der Nase getestet werden. „Das finde ich unmöglich“, macht der 32-Jährige seiner Empörung Luft.

Der Firma Bäuerle & Co. Ambulanz aus Augsburg sind Fälle dieser Art durchaus bekannt. Das Unternehmen betreibt im Auftrag des Landkreises Aichach-Friedberg die Teststation in Aichach. Die zuständige Teamleiterin für dieses und weitere Bäuerle-Testzentren, die ihren Namen in der Zeitung nicht nennen möchte, erklärt auf Nachfrage: Die Gesundheitsämter seien aufgrund der deutlich ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus „momentan sehr streng“.

„In solchen Fällen, bei denen der Ct-Wert über 30 lag, haben wir in letzter Zeit auch schon viel herumtelefoniert“, sagt die Teamleiterin, das Amt für Gesundheit handhabe die Isolation jedoch „sehr rigoros“. Für die Bürger sei es „schade“. Dem 32-jährigen Aichacher nützt das wenig, bei ihm und seiner Familie sitzt der Ärger tief. Vor allem der Betreiberfirma Bäuerle gegenüber hegt er einen Groll. „Mich stört die Art und Weise, wie die Testung ablief“, erklärt er am Telefon.

Bei der ersten Testung hätten drei Frauen die Proben abgenommen. Nach Aussage des Familienvaters hätten sie sich vorher nicht desinfiziert oder frische Handschuhe übergezogen. Bei der zweiten Testung, drei Tage später, hingegen sei angeblich alles ordnungsgemäß abgelaufen. Sein Verdacht nun: Durch eine unsachgemäße Probenentnahme sei ein falsch positives Ergebnis herausgekommen. Kann das sein? Wir haben bei der Augsburger Firma nachgefragt. Den Vorwurf weist die Bäuerle-Teamleiterin weit von sich.

Das medizinisch geschulte Personal wisse sehr genau, was zu tun sei. „Nach jedem Abstrich werden die Handschuhe gewechselt“, stellt die Bäuerle-Mitarbeiterin klar. Das bekämen die Testpersonen aber häufig nicht mit. Spätestens nach zwei Stunden würden Haube, Maske und Kittel ausgetauscht. „Wir haben erfahrenes Personal und hohe Standards.“ Stichprobenartig werde zudem regelmäßig intern kontrolliert, ob alle Hygienevorschriften eingehalten werden, versichert die Teamchefin.

Was sie indes bestätigen kann: Auch sie kennt Fälle, bei denen der PCR-Test an einem Tag positiv und am nächsten negativ ausgefallen sei. Das hänge damit zusammen, dass die Viruslast von Corona-Infizierten logischerweise mit der Zeit abnehme. Oder die Qualität der Probenentnahme sei unzureichend.

Dr. Viktoria Schäfer, kommissarische Leiterin des Gesundheitsamtes in Aichach, hat Verständnis für den Frust der Aichacher. Ihrer Behörde seien jedoch die Hände gebunden, „wir müssen uns an die bayerische Allgemeinverfügung halten“. Entscheidend sei lediglich der Endbefund des Labors, und der sei entweder positiv oder negativ, „irgendwas dazwischen gibt es nicht“.

„Wir haben in diesem Fall keinen Ermessensspielraum“, gibt Viktoria Schäfer unmissverständlich zu verstehen. Wenn der Laborbefund ein positives Ergebnis ausweise, und es sich um einen Erstbefund handle, „müssen wir die Leute für mindestens 14 Tage in Quarantäne schicken“, so gebe es der bayerische Gesetzgeber vor. Fälle wie der der Aichacher Familie seien gar nicht so selten, macht die kommissarische Gesundheitsamtsleiterin deutlich und fügt hinzu: „Ich finde das wirklich tragisch, wenn Menschen, die pumperlgsund sind, zu Hause bleiben müssen.“

Übrigens: Ab wann genau das Ergebnis eines PCR-Tests negativ ausfällt, das sei von Labor zu Labor unterschiedlich. Jedes Labor verwende nämlich eine andere Technik. Bei dem einen Labor liege der Ct-Grenzwert bei 33, bei dem anderen bei 35 oder 38. „Wie viel Sinn das macht, kann man sich schon fragen“, merkt Dr. Viktoria Schäfer zweifelnd an. (Thomas Winter)

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