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Interview mit Rainer Koch: "Den Fußball viel weiblicher machen"

Zum Gespräch war neben Rainer Koch (links) auch der neue schwäbische Bezirksvorsitzende, der Thierhauptener Christoph Kern (rechts), zu Gast.

Er ist Interimspräsident des Deutschen Fußballbundes, Chef des Süddeutschen und Bayerischen Fußballverbandes sowie Mitglied der Uefa-Exekutive: Rainer Koch gilt nicht nur als eine der bedeutendsten, er ist gleichzeitig auch eine der polarisierendsten Persönlichkeiten im deutschen Fußball. Im Interview spricht er über seine Ideen für die Amateurvereine – von der Nachwuchsgewinnung über den Hallenspielbetrieb bis hin zum Frauenfußball. Koch äußert sich außerdem zur derzeit vieldiskutierten Lage beim DFB, zu den Reformplänen für die Weltmeisterschaft und über seine Zukunft als Sportfunktionär.

Interview von Herbert Walther und David Libossek

Corona hat auch den Sport weiter im Griff, die Zahlen sind wieder enorm gestiegen. Die seit dieser Woche in Bayern geltenden Maßnahmen betreffen den Amateurfußball noch nicht wie etwa in Sachsen, wo aufgrund der dortigen Coronaschutzverordnung der Spielbetrieb ruhen muss. Haben Sie Befürchtungen, dass auch diese Saison nicht zu Ende gespielt werden kann?

Rainer Koch: Auf Bayern bezogen habe ich diese Befürchtung nicht. Wir sind im vergangenen Frühjahr nicht davon ausgegangen, dass der Spielbetrieb in diesem Herbst problemfrei ablaufen wird. Daher haben wir vorausschauend – und wie ich glaube – wieder richtige Entscheidungen getroffen, wie etwa überall in Bayern so früh wie möglich mit den Punktspielen zu beginnen. Die meisten Spielklassen befinden sich bereits in der Rückrunde. Rein spieltechnisch gesehen sind wir, was die Vorgaben für Auf- und Absteiger betrifft, rechtlich auf der sicheren Seite (Für die Quotientenregel müssen 75 Prozent der Mannschaften einer Spielgruppe mindestens 50 Prozent der Verbandsspiele ausgetragen haben, Anm. d. Red.). Über 95 Prozent aller Ligen in Bayern haben dieses Ziel bereits erreicht. Ich hoffe aber inständig, dass wir bis zum letzten Spieltag alles spielen können und keine Regularien angewendet werden müssen.

Fußball wird in den Wintermonaten auch zu einer Indoorsportart, für die aktuell die 2G-Regel gilt. War die Entscheidung des BFV zu voreilig, im kommenden Winter wieder eine Hallenmeisterschaft durchzuführen?

Koch: Nein, gleich vorweg: Die Teilnahme an der Hallensaison ist für die Vereine freiwillig. Als Verband haben wir die Aufgabe, denjenigen ein Angebot zu machen, die mitspielen wollen. Was den Hallensport betrifft, sind die Fußballer in der Halle jetzt in der gleichen Situation wie Handballer, Volleyballer oder Basketballer. Denen wird jetzt auch nicht gesagt: Lasst das alles sein. Wir haben den großen Vorteil, dass unser Kerngeschäft im Freien stattfindet, so dass jeder Verein noch viel mehr für sich entscheiden kann, ob er in der Halle spielen will oder nicht.

Im Frühjahr 2022 steht der nächste Verbandstag an. Wird das dann Ihre letzte Legislaturperiode als Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes sein?

Koch: Ich hatte schon bei allen Kreistagen vor vier Jahren angekündigt, dass 2022 noch einmal beide Seiten die Möglichkeit haben, ja oder nein zu sagen und, dass ich weitermache, wenn ich wieder gewählt werde. 2026 wird sich diese Frage nicht mehr stellen, da werde ich definitiv nicht mehr kandidieren. Erstens hätte ich es dann auch lange genug gemacht (22 Jahre, Anm. d. Red.). Und zweitens ist der BFV-Präsident, wenn er die Tätigkeit für den größten Landesverband richtig ausüben soll, nicht nur in Bayern aktiv, sondern er muss den bayerischen Fußball auch auf anderen Ebenen vertreten, im süddeutschen Fußballverband und beim DFB. Das ist in einem bestimmten Alter nicht mehr so machbar und umsetzbar. Es hat schon seinen Grund, warum man normalerweise mit Mitte 60 kürzertritt.

Wo sehen Sie, sofern Sie wiedergewählt werden, die dringlichsten Aufgaben für die nächsten vier Jahre?

Koch: Mit Blick auf unseren Nachwuchs müssen wir erkennen, dass wir die vielen großen Probleme unserer Zeit in den Vereinen nur in den Griff bekommen können, wenn wir uns etwas einfallen lassen. Die Frage ist, wie komme ich besser an die Kinder heran, weil sich diese zwangsläufig nicht mehr für Fußball als ihre Sportart entscheiden. Ganz wichtig wird es sein, auf die Schulen zuzugehen – und da müssen wir uns überlegen, wie wir die Kinder in die Vereine bekommen. Ein ganz großes Thema ist auch die Kindertrainerqualifizierung. Da wollen wir mithelfen, dass die Frauen und Männer, die keine Lizenz haben, sich trotzdem stark genug fühlen, E- oder F-Jugendmannschaften zu trainieren. Aktuell bieten wir 1000 dieser Ausbildungen kostenfrei für alle an, es ist ein Baustein unserer Kinderfußball-Kampagne unter dem Motto „Auf die Plätze!“.

Aber auch die Herrenfußballer werden weniger.

Koch: Der Verband muss mit seinen Angeboten attraktiv bleiben, weil uns ansonsten immer mehr Aktive davonlaufen. Auch die Vereine müssen sich wandeln, wenn sie überleben wollen. Dafür kämpfe ich sehr, weil ich total überzeugt bin, dass unsere Gesellschaft davon lebt, dass wir in Deutschland und Bayern dieses Vereinswesen haben. Es hilft uns aber nichts, das zu erhalten, wenn uns die Jugendlichen davonlaufen. Wir müssen das Vereinswesen in das neue Jahrzehnt hineinbringen. Die Zeiten sind vorbei, wie der Fußball einmal stattgefunden hat, und wenn wir das nicht erkennen, wie sich die Gesellschaft um uns herum entwickelt, dann bekommen die Vereine Überlebensprobleme.

Was können die Vereine Ihrer Ansicht nach dagegen tun?

Koch: Wenn sie das erkennen und ein paar Dinge verändern, dann haben sie eine große Chance. Die allererste Sache, die erkannt werden muss, ist die, dass wir den Fußball viel weiblicher machen müssen, dass wir Frauen und Mädchen in die Vereine bringen. Zudem bleiben die Menschen im Alter länger sportlich, für die müssen wir auch attraktive Sportangebote machen. Der Verband wird dahingehend in den nächsten Jahren das Thema Walking Football aufgreifen (Für Menschen über 50 Jahre und für diejenigen, die aufgrund mangelnder Mobilität oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, das traditionelle Spiel zu spielen. Es darf nur gegangen werden, ein Fuß muss wie beim Gehen in der Leichtathletik jederzeit den Boden berühren, d. Red.).

Es geht aber auch um die ehrenamtlichen Funktionäre, die in den Vereinen immer seltener werden. Wie kann man das Amt für die Leute wieder attraktiver machen?

Koch: Zum Beispiel, in dem ich im Winter Spielformate entwickle, die die Ehrenamtlichen am Samstag nicht für zehn Stunden in die Halle zwingen, sondern nur für zwei. Wir haben große Probleme im Ehrenamt, wir müssen uns irrsinnig anstrengen. Zum einen können wir das selber machen, zum anderen muss ich aber auch klar sagen, dass sich etwas verändern muss, wie zum Beispiel die gesamte Bürokratie. Im Steuerrecht müssen Lösungen gefunden werden, dass der Vorsitzende oder Kassier eines Vereins nicht permanent Angst haben muss, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Ich habe das selbst ein Jahr lang mitgemacht, obwohl ich null Komma null mit den ganzen Steuererklärungen des DFB zu tun habe (Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main hat das Steuerverfahren gegen Rainer Koch inzwischen eingestellt, d. Red.). Wenn das ein Vereinsvorsitzender einmal mitgemacht hat, macht das doch keiner mehr.

Warum hat der Frauenfußball bei uns so große Probleme sich zu behaupten im Vergleich zu England? Dort, so hört man, sind die Stadien voll.

Koch: Die Stadien in England sind auch nicht immer voll. Aber dort ist etwas passiert. Die Großsponsoren der Premiere-League-Klubs haben erkannt, dass sie es sich in der jetzigen Zeit nicht leisten können, nur 50 Prozent der Menschheit zu unterstützen. Sie haben mehr oder weniger die Klubs in die Pflicht genommen, sich auch mehr im Frauenfußball zu engagieren. Daraus resultiert dieser Aufschwung auf der Insel. Wir hatten auch einmal eine große Begeisterung, als 2012, vor dem Champions-League-Endspiel der Herren in der Allianz Arena (das Finale dahoam zwischen Bayern und Chelsea, d. Red.), das Finale der Frauen (Lyon gegen Frankfurt, d. Red.) vor 55.000 Zuschauern im Olympiastadion stattgefunden hat. Jetzt, zehn Jahre später, ist Derartiges nicht ansatzweise möglich. Ich glaube zuvorderst, dass wir es verpasst haben, die Begeisterung, die um die Frauen-Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland entstanden ist, in unsere Vereine zu transportieren. Wir haben schon eine ganze Reihe von Anstößen gegeben, Mädchenfußball zu unterstützen und auf den Weg zu bringen. Nur wenn das nicht aufgegriffen wird, ist die Situation die, wie sie jetzt ist: große Einbrüche bei den Mannschaftszahlen im Mädchenfußball.

Sie haben angekündigt, beim nächsten DFB-Bundestag nicht mehr als 1. DFB-Vizepräsident, also als Stellvertreter des Präsidenten, kandidieren zu wollen.

Koch: Ehrlich gesagt, fiel es mir sehr leicht, diesen Schritt zu vollziehen, weil ich das nach nunmehr neun Jahren ohnehin vorhatte. Zumal ich glaube, dass nach den jüngsten Entwicklungen ein Neuanfang gut täte.

Sie spielen auf die Ereignisse rund um die kurze Ära von Fritz Keller als DFB-Präsident an, die am 17. Mai 2021 nach nur 22 Monaten endete?

Koch: Wir haben gemeinsam Herrn Keller als Kandidaten entwickelt. Komischerweise wird das ja immer alleine mit mir in Verbindung gebracht. Herr Keller kam von einem Bundesligaklub (SC Freiburg, d. Red.) und Herr Seifert (DFL-Vorsitzender Christian Seifert, d. Red.) und Herr Peters (Peter Peters, Aufsichtsratsvorsitzender der DFL GmbH und 1. Vizepräsident des DFB, d. Red.) waren genauso in der damaligen Findungsgruppe dabei wie ich. Ich war da nicht der entscheidende Faktor. Ich bekenne mich aber dazu, dass wir, nachdem das leider schiefgegangen ist, in diesen Positionen einen Beginn mit neuen Leuten in der ersten Reihe brauchen. Und ansonsten müssen wir halt auch die verschiedenen Regionalvertretungen wechselseitig respektieren und akzeptieren wie auch der Amateurfußball die Führung der DFL zu akzeptieren hat.

Damit dann endlich wieder Ruhe beim DFB einkehrt.

Koch: Seit Mai ist alles in geordneten Bahnen verlaufen. Wir haben mit Hansi Flick einen neuen Bundestrainer verpflichtet, haben eine ganz neue Stimmungslage rund um die Nationalmannschaft geschaffen. Da kann man nicht so tun, als ob das alles nichts mit der Spitze des DFB zu tun hat. Ich war nicht unerheblich daran beteiligt, dass die Verhandlungen über den Wechsel des deutschen U 21-Trainer Stefan Kuntz zum türkischen Verband partnerschaftlich abgelaufen sind. Wir haben die Neubesetzung mit Antonio Di Salvo innerhalb von Tagen geräuschlos hinbekommen. Wir haben mitten in der Coronazeit ein riesengroßes Akademieprojekt in Frankfurt zu schultern. Außerdem sind wir gerade intensiv mit der Ausgliederung der Geschäftsbetriebe aus dem e. V. in eine Kapitalgesellschaft beschäftigt – so wie wir es im Übrigen in Bayern schon 2005/2006 vollzogen haben. Diese Projekte laufen alle, sie werden problemfrei bestens bewältigt.

Und doch herrscht in der öffentlichen Wahrnehmung des Verbandes ein anderes Bild vor.

Koch: Der DFB muss wieder in seiner Arbeit wahrgenommen werden. Es ist meine dritte Interimspräsidentschaft, das dritte Mal, dass alles in ruhigen Bahnen verläuft. Nur ist es jetzt das erste Mal, dass ständig behauptet wird, alles sei schlecht. Wenn ständig wiederholt wird, der DFB müsse zur Ruhe kommen, muss man die Gegenfrage stellen: Warum kommt der DFB nicht zur Ruhe? Und da gibt es nur eine Antwort: Weil permanent jede Woche behauptet wird, der DFB sei eine Schlangengrube oder ein Intrigantenstadl, beim DFB herrsche Chaos. Ich gehe auf solche Aussagen nicht ein, ich kann nur sagen, was Fakt ist. Und das ist: Es läuft seit Mai sehr gut beim DFB. Nennen Sie mir Fakten, dann setzte ich mich damit auseinander, nicht mit haltlosen und noch dazu polemischen Allgemeinplätzen.

Darüber schwebt der Vertrag mit Kurt Diekmann. Der Medienberater hat für Dienstleistungen 360.000 vom DFB erhalten. Medien hinterfragen das genaue Wirken von Diekmann, ebenso den Zeitpunkt, wann er seine Tätigkeit für den Verband aufgenommen hat. Unter anderem soll er an der Demission von Kellers Vorgänger Reinhard Grindel als DFB-Präsident gearbeitet haben.

Koch: Der Beratervertrag ist abgeschlossen worden, um die Untersuchungen rund um den Vertrag mit der Sportmarketingagentur Infront medial zu begleiten. Das war ein extrem schwieriges Unterfangen – übrigens mit einem sehr guten Ausgang. Ich habe diesen Beratervertrag weder initiiert noch verhandelt oder unterschrieben. Und ich hatte weder in der inhaltlichen noch in der wirtschaftlichen Abwicklung damit etwas zu tun. Auch wird immer behauptet, ich sei mit Diekmann befreundet – nein, das ist nicht so.

Wie geht es Ihnen eigentlich persönlich, wenn Sie die Sportbild aufschlagen und sehen, dass Fritz Keller derart gegen Sie und den DFB austeilt.

Koch: Ich frage unsere Pressestelle, welche Fakten in dem Interview stehen, zu denen man Stellung nehmen muss. Und dann kommt heraus, was ich auch sehe: Auf fünf Seiten kein einziges neues oder belastbares Faktum. Daraufhin gehe ich damit so um, wie ich die ganze Zeit damit umgehe: Ich äußere mich nur zu Fakten, alles andere kann ich nicht ändern. Ich kämpfe für die Anliegen des Amateurfußballs und bin da der Interessenvertreter, davon lasse ich mich nicht abbringen und mache weiter meine Arbeit.

Vom Amateurfußball zum weltweit größten Fußballereignis. Wie bewerten Sie als Mitglied der Uefa-Exekutive den Vorschlag von Fifa-Präsident Gianni Infantino, die WM alle zwei Jahre auszutragen?

Koch: Ganz klar: Eine WM alle zwei Jahre ist aus europäischer Sicht aus ganz vielen Gründen nicht vorstellbar. Eine Frage ist, wie man mit dem internationalen Spielkalender umzugehen hat. Und deswegen bedeutet eine Ablehnung der WM alle zwei Jahre nicht eine Ablehnung der Bereitschaft über den Spielkalender nachzudenken. Wir Europäer haben die Pflicht, uns Gedanken zu machen über Verbesserungen im Rest der Welt. Schließlich leben wir Europäer auch maßgeblich von Spielern, die nicht aus Europa stammen. Beispiel Mohammed Salah vom FC Liverpool: Ein Ägypter wird sagen, so ganz fair ist das ja nicht. Der beste Ägypter spielt bei euch und ihr verdient damit auf der ganzen Welt, auch in Ägypten, Geld, das dann in die Taschen der Premier League und ihrer Klubs fließt. Am Mittwoch spielt Salah Champions League, diese Einnahmen fließen wiederum in die Taschen der Uefa beziehungsweise der Champions-League-Klubs oder über Quersubventionierung an die Klubs der Europa League und der Conference League sowie an die Nationalverbände. Jetzt stellen Afrikaner, Asiaten oder Menschen aus dem ozeanischen Raum die Frage: Ist das alles so total gerecht? Im Übrigen eine Frage, die sich so auch für die UNO stellt. Man muss sich etwas überlegen. Eine WM alle zwei Jahre würde dazu führen, dass alle Konzepte auf den Kopf gestellt werden. Das zerstört die Champions League, zerstört alle Anstrengungen, den Frauenfußball weiter attraktiv zu gestalten und wertet im Übrigen den Stellenwert der WM ab.

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