Region: Augsburg Stadt

André Ortolf aus Lechhausen hält 70 Weltrekorde

Fast 400 Gramm englische Hefe-Würzpaste verdrückte André Ortolf in einer Minute. Das ist ein neuer Weltrekord.

Einige Besucher des Café Paula in der Hammerschmiede staunen an diesem sonnigen Nachmittag nicht schlecht. Da sitzt an einem Tisch ein durchtrainierter junger Mann mit exaktem Haarschnitt und vollführt außerordentlich Seltsames: André Ortolf isst in Rekordtempo ein Glas Marmite, eine englische Würzpaste. "Jetzt habe ich Durst", sagt er dann und zuzelt binnen Sekunden einen Liter Limettensaft mit einem Strohhalm in sich hinein. Anschließend zündet er nacheinander 62 Streichhölzchen an und löscht sie mit seiner Zunge. Die Caféhausgäste wurden Zeugen von drei neuen Weltrekorden.

André Ortolf ist von Beruf Außenhandelskaufmann. Der 24-jährige Lechhausener arbeitet in der Firma seines Vaters. So bürgerlich diese Existenz klingt, so ungewöhnlich ist das Hobby des jungen Mannes: Er sammelt Rekorde. Um die 70 hat er bereits, 100 sollen es bis zum Jahresende werden. Er steht mit seinen lustigen Aktionen längst im Guinness-Buch der Rekorde. Ob Ketchup, Senf, Wackelpudding mit Stäbchen verzehren oder Kartoffelpüree löffeln: "Ich halte die meisten Ess-Rekorde weltweit", sagt er.
Alles begann im Herbst 2013. Damals kamen er und seine Kumpel im Leichtathletikverein auf die Idee, man könnte doch einmal 100 Meter in Holzclogs laufen. André Ortolf klapperte die Bahn in 16,26 Sekunden hinunter. Auch in Skistiefeln spurtete er schon durchs Stadion: 17,65 Sekunden benötigte er für 100 Meter.
Bei Essrekorden geht es stets darum, mit einem Teelöffel in einer Minute oder 30 Sekunden möglichst viel zu verzehren. "Dafür muss ich nicht trainieren", sagt Ortolf. "Ich bin ein guter Esser." Mit seinen Rekorden möchte er unterhalten und überdies Augsburg international bekanntmachen. Um Aufnahme ins Guinnes-Buch der Rekorde zu finden, müssen strikte Regeln befolgt werden. Unter anderem müssen die Protagonisten vier unabhängige Zeugen aufbieten, die nicht mit ihnen verwandt sind. Diese müssen schriftlich bestätigen, dass es bei der Aufstellung des Rekords mit rechten Dingen zuging.
In dem kleinen Café in der Hammerschmiede stellt sich André Ortolf eine Waage bereit. Zunächst ermittelt er das Gewicht des vollen Marmite-Glases samt Teelöffel und Serviette: 755 Gramm. Die Zeugen stehen bereit, sein Freund Patrick Rogosch bringt eine Videokamera in Stellung. Ohne Beweisfilm geht gar nichts. "Auf die Plätze, fertig, los!" Die Stoppuhr läuft, der 24-Jährige schaufelt die vegetarische Würzpaste, die hauptsächlich aus Hefeextrakt besteht, der beim Bierbrauen anfällt, in sich hinein. "Stopp!" Zunge heraus, der Mund ist leer. Alles wurde tatsächlich geschluckt. Das Nachwiegen nach 60 Sekunden belegt den neuen Rekord: 387 Gramm hat Ortolf gegessen. Damit hat er den alten Rekord von 252 Gramm eingestellt. Den Durchschnittsmenschen würde es vermutlich schon nach einem Löffel der braunen, salzigen Pampe lupfen.
Für André Ortolf ist der Rekordnachmittag damit gerade erst in Fahrt gekommen. Nun hat er Durst, und was hilft da bestimmt? Ein Liter Limettensaft. Er gießt die grünliche Flüssigkeit in ein Messgefäß, die Zeugen bestätigen: Genau ein Liter. Strohhalm rein, und los geht es. 20,81 Sekunden später ist der Humpen leer. André Ortolf zittert ein bisschen: "Das war schlimmer als Zitronensaft", wundert er sich. Nicht nur sauer, auch noch so bitter. Brr.
Wenn er schon einmal neue Leute gefunden hat, die Zeugen für ihn machen möchten - es müssen immer wieder andere Personen sein - dann lässt es der Lechhausener nicht bei einem Rekord bewenden. Deshalb präpariert er nun den Holztisch für den nächsten. Er klebt große Reibeflächen auf und legt sich 62 Streichhölzchen zurecht. Und ein paar mehr, als Reserve, falls eines abbricht oder nicht zündet. Zack, zack, zack, eines nach dem anderen ratscht der 24-Jährige abwechselnd mit der linken und rechten Hand an, führt das brennende Hölzchen zum offenen Mund und drückt es auf der Zunge aus. Um ihn bildet sich eine Rauchwolke, es riecht nach Schwefel. Dieter Läpple, der eigentlich nur eine gemütliche Tasse Kaffee trinken wollte, fungiert als Zeuge. Der ältere Herr hat seine private Kamera gezückt und filmt: "Für meinen Videoclub." Da hat er beim nächsten Treffen gleich etwas Besonderes zu erzählen.
André Ortolf war mit seinen verrückten Weltrekorden - er ist übrigens der jüngste Rekordbrecher der Welt und der mit den meisten Weltrekorden in Deutschland - auch schon im Fernsehen, zum Beispiel im ZDF-Fernsehgarten, als auf Gran Canaria gedreht wurde. Zwölf nasse T-Shirts zog er damals binnen 60 Sekunden übereinander an. Für das aktuelle Guinness-Buch wurde er zum professionellen Fotoshooting nach London eingeladen. Nun findet man ihn in dem Werk, das erstmals 1955 auf den Markt kam und auf einer Idee des Geschäftsführers der Guinnessbrauerei basiert, beispielsweise mit einem Bild, das ihn vor einem enormen Berg aus Kartoffelbrei zeigt. 893 Gramm aß er in einer Minute. Weitere Einträge belegen, dass er mit einem Bürostuhl 100 Meter in 31,92 Sekunden rollerte und mit drei Freunden in voller Feuerwehrmontur die viermal 100-Meter-Staffel in 59,58 Sekunden absolvierte. Rückwärts hüpfen wie ein Frosch, blind Tennissbälle fangen, einen Golfball pusten: "Wenn man einmal damit angefangen hat, fragen einen die Leute halt immer, was als nächstes kommt", sagt der 24-Jährige. Anregungen für seinen "professionellen Schwachsinn", wie er es nennt, holt er sich stets aus dem Guinness World Record Register: "Eigene Ideen werden sehr selten vom Komitee angenommen." Zudem sei das Anerkennungsverfahren sehr langwierig. Und so ist er seines Wissens nach derzeit der einzige Deutsche, der Rekorde in Serie macht. (Von Monika Grunert Glas)

https://www.youtube.com/watch?v=VoRGwisBsqU

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