Region: Augsburg Stadt

Waldorflehrer spielen mittelalterliche "Oberuferer"-Mysterienspiele

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Die Hirten beten das Jesuskind an

„Mit diesem Abend fängt für mich Weihnachten an!“ Jedes Jahr kommt die ältere Dame aus der Hammerschmiede in die Waldorfschule, um sich kurz vor Weihnachten die „Oberuferer Weihnachtsspiele“ anzuschauen. Diese mittelalterlichen Mysterienspiele bestehen aus drei Teilen: vor Weihnachten werden das Paradeisspiel und das Christgeburtsspiel aufgeführt, nach Silvester dann das Dreikönigsspiel.
Die Spiele wurden etwa 1850 von Karl Julius Schröer entdeckt und veröffentlicht. Benannt sind sie nach dem Entdeckungsort „Oberufer“, einem Dorf an der gleichnamigen Donaufurt in der Slowakai. Der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner gab eine leicht veränderte Fassung dieser Spiele heraus. Die Lehrer der ersten Waldorfschule in Stuttgart führten die Präsentation für die Schüler ein. Sie werden alljährlich in Waldorfeinrichtungen um die Weihnachtszeit aufgeführt.
„Ir liabn meini singa trets zsam in a scheibn, ma wölln uns die weil mit singa vertreibn“, so fordert der Vorsänger seine „Kumpanei“ genannte Truppe auf. Die Schauspieler der Augsburger Waldorfschule halten sich an den Originaltext, der sehr volksnah geschrieben und in einem donauschwäbischen Dialekte in Reimen abgefasst ist. Es wird dabei viel gesungen, allein oder in der Gruppe. Die ernsthafte Handlung ist zum Teil mit derbem Humor durchsetzt.
Dem Spiel vorangestellt ist eine Huldigung an die Obrigkeiten und Autoritäten, an das Publikum und, in scherzhafter Form, auch an die notwendigen Requisiten, wie zum Beispiel den Hut. Dergleichen Huldigungen waren im Mittelalter bei fahrenden Schaustellern ebenso wie bei den Zünften, die solche Spiele aufführten, wohl nicht unüblich.
Schlichte Kostüme, eine auf das symbolische reduzierte Bühne, dazu eine dramatische Bühnenbeleuchtung und souverän und eindrücklich spielende Schauspieler machten die Aufführung zu einer sehr bewegenden Einstimmung auf Weihnachten.
Die Freie Waldorfschule Augsburg wurde 1981 gegründet. Sie ist einzügig, rund 400 Schüler besuchen die Schule. Als Abschlüsse werden Mittlere Reife und Abitur angeboten. Teil der Waldorfpädagogik sind zwei Fremdsprachen ab Klasse eins, Leistungsförderung ohne Noten, Selektion und Sitzenbleiben, ein gemeinsamer Klassenverband während der gesamten Schulzeit, Ausbildung von individuellen sozialen und kreativen Fähigkeiten. Die Schule bietet eine flexibel buchbare Ganztagsbetreuung an. 2019 wird das 100-jährige Jubiläum der Waldorfschulbewegung gefeiert.

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