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Augsburg und Corona: Solidarisch oder egomanisch? Die guten Vorsätze für 2022

Profilbild vonLeserReporter Thorsten Frank
Für ein solidarisches Augsburg in Corona-Zeiten wird am Königsplatz in Augsburg demonstriert

Das Jahr 2022 beginnt auch in Augsburg im Zeichen vieler von Corona genervter. Die guten Vorsätze für das neue Jahr 2022 sehen indes offensichtlich völlig unterschiedlich aus. So fanden sich am Rathausplatz und auch am Königsplatz am Montag Menschen zusammen. Am Rathausplatz zitierte ein Redner Cicero mit den Worten „Teile und Herrsche“. Der Redner führte aus, damit sei gemeint, die Herrschenden wollten das Volk teilen und dadurch herrschen. Soweit so falsch. Denn erstens wird der zitierte Satz „Teile und herrsche“ dem absolutistisch herrschenden Ludwig XI. zugeschrieben, dem in Augsburgs Partnerstadt Bourges 1423 geborenen König von Frankreich. Cicero hingegen machte sich schon rund 1500 Jahre zuvor Gedanken über die beste Staatsform. Der Politiker, Anwalt und Philosoph deckte Verschwörungen auf, ging gegen korrupte Statthalter vor und war Anhänger der Republik mit einer Regierung, die aus gebildeten, intelligenten und patriotischen Männern bestehen sollte, die das Staatswohl über ihre eigenen Interessen stellten. Also so ziemlich das Gegenteil von dem, was der Redner auf dem Rathausplatz versuchte zu erklären. Das Dilemma auf dem Rathausplatz: Nach ähnlichen Mustern laufen zahlreiche Aussagen dort. Es wird falsch zitiert und auch noch ins Gegenteil verdreht.

Ganz anders verlief die Kundgebung auf dem Königsplatz. Vor rund 200 Menschen dort erklärte ein Mitarbeiter des Klinikums, wie zu wenig und zu schlecht bezahlte Pflegekräfte alltäglich nicht öffentlich um Leben ringen. Dass die Triage bereits im Verborgenen stattfinde, weil selbst Operationen von Krebs- oder Herz-Patienten verschoben werden müssen, um Intensivbetten für akut lebensgefährdete Corona-Patienten zu haben; dass es gar keine 100% Auslastung von Intensivstationen geben könne, weil sonst beispielsweise Verkehrsunfälle oder andere kurzfristige Ereignisse wie Herzinfarkt den direkten Tode bedeuten würden. Die zweite Rednerin macht sich Sorgen um die Polarisierung, die falsch verstandene egoistische Interessen hervorbringen würden. Und die Tatsache, dass schimpfen alleine kein Lösungskonzept sei. Sie erfahren auf dem Königsplatz um die Nöte Studierender in der Pandemie und im Abschlussstatement, welche Vorteile das solidarische miteinander und dem Respekt für Wissenschaft und Fakten gegenüber dem Gegenteil hat.

Derweil setzen sich die Menschen vom Rathausplatz in einem als Spaziergang getarnten anmeldungspflichtigen Demonstrationszug mit Bannern wie „Freiheit“ und „Grundrechte“ in Bewegung. Freiheit für Corona bedeutet aber weniger Freiheit für die Menschen. Corona ist Wut egal. Es kann sich verbreiten, wenn wir es lassen oder nicht, wenn wir es nicht lassen. Wer Fakten leugnet und Corona nicht eindämmen mag, bekämpft nicht die Pandemie, sondern verursacht mehr Einschränkungen in sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Hinsicht für sich und andere.

Würde ein solcher „Sparziergang“ durch undemokratisches Gebiet führen, wäre er wohl ein direkter Spaziergang hinter Gitter. In Augsburg hingegen bleibt bislang nicht angemeldetes demonstrieren ohne persönliche Folgen. Demokratie duldet offenbar also mehr, als die Schilder es beschwören. Vielleicht wäre es doch gut, einige von den „Spazierenden“ würden Bannertexte auf dem Königsplatz lesen. Dort waren Botschaften wie „Impfen schützt leben“ oder „gemeinsam durch die Pandemie“ zu sehen. Gelegenheit dazu soll es bald wieder geben, denn das Bündnis „Augsburg solidarisch“ fängt gerade erst an und hat eine Petition auf https://tinyurl.com/augsburgsolidarisch gestartet. Wenigstens aber wäre es gut, künftig Cicero richtig zitierten, der davon sprach „Im Irrtum verharren wird nur der Unkluge“ oder „Es ist besser, Unrecht zu erleiden als es zu tun“. Damit aus den guten Vorsätzen für 2022 auch etwas gutes wird.

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