Region: Augsburg Stadt

Kommentar zu Steffen Tölzer: Ein Schubser und seine Folgen

Freier Mitarbeiter George Stadler

Der Kapitän tritt zurück, und zumindest vorerst spielt er auch nicht mehr. Denn der Kapitän wurde gesucht, nachdem er nach einem Wiesn-Besuch einen Mann ins S-Bahn-Gleisbett an der Donnersberger Brücke geschubst hatte. Der Kapitän wurde gefunden, nach einer anonymen E-Mail und identifiziert anhand seiner Tätowierungen. Jetzt ist er nicht mehr Kapitän. Jetzt ist er vorbestraft.

„Was ich getan habe, tut mir unglaublich leid. Ich übernehme von Anfang an die komplette Verantwortung für mein Handeln und kooperiere ohne Einschränkung mit den Behörden. Es steht außer Frage, dass ich auch weiterhin alle Konsequenzen für mein Vergehen vollumfänglich trage. Da ich meiner Vorbildfunktion abseits des Eises in keiner Weise gerecht geworden bin, lege ich mein Kapitänsamt bei den Augsburger Panthern mit sofortiger Wirkung nieder. Ich möchte mich in aller Form und aufrichtig beim Geschädigten, meinem Club, meinen Teamkollegen sowie natürlich allen Fans und Sponsoren entschuldigen. So etwas hätte mir niemals passieren dürfen."

Steffen Tölzer

Ich habe es noch nie erlebt, dass etwas bei den AEV-Fans derart unterschiedlich bewertet wird wie der Fall Tölzer. Äußerungen im Auswärtsbus nach Schwenningen, auf Facebook und im AEV-Forum könnten unterschiedlicher nicht sein. Das geht auf der einen Seite los mit Verharmlosungen und Täter-Opfer-Umkehr wie "der andere hat die Votz'n sicher verdient" und "Scheiß Presse, die wollen nur Unruhe reinbringen vor den Playoffs" bis zur Höchststrafe "sofort ausweisen nach Kaufbeuren!" Man möchte sich nicht ausmalen, wenn ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund aus dem Hasenbergl oder Oberhausen das Opfer aufs Gleis geschubst hätte: Der Aufschrei wäre ungleich lauter und radikaler ausgefallen. 

Dies ist ein Gesellschaftsproblem, es herrscht zu viel Schwarz-Weiß-Denken, extreme Positionen dominieren Debatten, Meinungen der Mitte sind Meinungen einer Minderheit. Aber dazwischen gibt es auch zu Steffen Tölzers Tat alle Facetten der Beurteilung (und auch der Verurteilung), wie es übrigens bei Mitch Callahan und seiner betrunkenen Rollerfahrt schon der Fall war: Auch da gab es bedingungslose Unterstützung und "Kreuziget ihn!" Und in beiden Fällen, bei Callahan und Tölzer, nur ein paar Fans, die relativieren und die Leistung auf dem Eis von der Tat trennen können.

„Steffen Tölzer hat uns nach Zugang des Urteils eingehend informiert. Wir schätzen seine Ehrlichkeit, verurteilen seine Tat aber aufs Schärfste. Sein Handeln ist mit den Werten unseres Clubs nicht vereinbar und schadet unserer Organisation. Den angebotenen Rücktritt vom Amt des Mannschaftskapitäns haben wir akzeptiert. Dennoch werden wir Steffen in diesem auch für uns unschönen Kapitel unterstützen und nicht fallen lassen. Wir kennen ihn als untadeligen Sportsmann, der für seine ehrliche und zuverlässige Arbeit anerkannt ist."

Panther-Gesellschafter Lothar Sigl 

Ich stehe dazwischen.

Ich halte es für gut, dass sich Lothar Sigl verbal hinter Steffen Tölzer stellt, ich halte es auch für gut, dass er vorläufig nicht spielt. Und ich bin außerdem dafür, dass er auch in den Playoffs aussetzt. Ich würde mindestens den 10. März abwarten, dann wird das Urteil hoffentlich rechtskräftig. Dieses "hoffentlich" gilt für alle, Fans, Club, Mannschaft und Sponsoren der Panther. Auch Steffen Tölzer selbst wird über die elf Monate auf Bewährung froh sein, er hat das Urteil ja auch schon angenommen. Fehlt noch der Staatsanwalt, der es vielleicht nicht gut fände, wenn es mit "Business as usual" weiterginge und Tölzer auf dem Eis gegnerische Spieler schubst. Auch mit einer Ansprache vor den Fans würde ich vorerst warten, auch wenn das einige Fans im Internet fordern. Das kann Steffen Tölzer später machen, aber das sollte er auch tun, nur noch nicht jetzt. Vorerst muss sein schriftliches Statement reichen. Es ist gut formuliert und auch glaubhaft.

Rehabilitation und Resozialisierung

Zur Rehabilitation des Ex-Kapitäns fehlt aber noch einiges. Ich erwarte weitergehende Aktionen, mit denen er sich rehabilitiert, die Durchführung von Anti-Gewalt- und Anti-Alkohol-Kursen zum Beispiel. Und damit meine ich nicht die, zu denen er möglicherweise verdonnert wurde, sondern die Leitung oder Begleitung von solchen. Also das Hinstellen vor straffällige Kids und Erwachsene, das Erzählen von seiner Tat und welches Glück er und vor allem sein Opfer hatten, dass es knapp glimpflich ausging. Und natürlich welche Konsequenzen es für ihn hatte, und welche Konsequenzen er für sich selbst zieht.

Zum Beispiel spätestens nach der ersten Maß Bier überlegen, ob man das verträgt oder ob man dann zu Provokationen, Leichtsinn oder eben Gewalt neigt. Wenn er das macht, dann kann ich mir den Verteidiger Steffen Tölzer auch weiterhin beim AEV vorstellen. Denn das wäre eine tatsächliche Rehabilitation und Resozialisierung, wie es ja auch unsere Justiz vorsieht. Ich fordere das nicht, ich wünsche es mir.

Resozialisierung ist nichts Schlechtes, im Gegenteil: Ein Täter soll wieder in die Gesellschaft zurückfinden dürfen, das ist eine der Grundsäulen unseres Rechtssystems. Und wenn man die Kommentare der letzten Tage gelesen hat, dann ist Tölzer bei einigen Fans dermaßen unten durch, dass es eben eine Resozialisierung auch ohne Haft braucht. Durch das Arbeiten mit der Tat, das Sich-Auseinandersetzen mit ihr ist es möglich nicht nur zu lernen, sondern daran menschlich zu wachsen.

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