Region: Augsburg Stadt

Ausschreitungen in der Maxstraße: Sanitäter fühlen sich von Politik nicht ausreichend unterstützt

Ehrenamtlich im Einsatz: Thomas Schrenk, Lisa Weber, Benedikt Mersdorf, Udo Lang, Lisa Diesenbacher und Roland Oster gehören zu den Schnelleinsatzgruppen der Malteser. Diese unterstützen den Rettungsdienst, wenn der überlastet ist.

Menschen werden von umherfliegenden Flaschen getroffen, Polizisten bespuckt, beleidigt und körperlich angegriffen. Im Gegenzug setzen die Beamten Pfefferspray ein, räumen schließlich die Maxstraße, als gar nichts anderes mehr hilft. Ein Ausnahmezustand in Augsburg in der Nacht auf den 20. Juni, der nicht nur für die Polizei herausfordernd war. Im Einsatz waren auch zahlreiche Sanitäter. Und zwar nicht nur die, die regulär in jener Nacht im Dienst waren.

Es war einer der seltenen Fälle in der Fuggerstadt, in der der Einsatzleiter des Rettungsdienstes vor Ort die Situation als so gravierend einstufte, dass er Verstärkung anforderte. In solchen Fällen alarmiert die Integrierte Leitstelle sogenannte Schnelleinsatzgruppen des Katastrophenschutzes. Die ehrenamtlichen Einsatzkräfte rücken dann auch nachts aus dem Tiefschlaf oder vom Grillabend mit Freunden aus, um ihre hauptamtlichen Kollegen zu unterstützen.

Drei Wochen nach den Vorfällen in der Innenstadt sitzen Roland Oster und Julia Diesenbacher mit ihren Kollegen auf der Terrasse vor der Dienststelle des Malteser Hilfsdienstes in der Augsburger Werner-von-Siemens-Straße. Die beiden wurden in jener Juninacht in die Maxstraße gerufen, erzählen sie. Als zusätzliche Unterstützung des Rettungsdienstes positionierten sie sich in einem sogenannten Bereitstellungsraum nahe des Einsatzgeschehens. "Man konnte in dieser Nacht mitverfolgen, wie ein Fahrzeug des Rettungsdienstes nach dem anderen kam und sich die Situation zuspitzte – bis sich mehr und mehr herausstellte, dass die Rettungswagen der öffentlichen Vorhaltung nicht ausreichen würden", so ihr Eindruck von den Ereignissen in der Maxstraße. Am Tag nach den Ausschreitungen zeigte die Bilanz einmal mehr, wie nötig der Einsatz der zusätzlichen Kräfte war. Allein die ehrenamtlichen Helfer hätten 24 Patienten in der Innenstadt wegen zu viel Alkohol, Verletzungen nach Stürzen oder nach Pfefferspray behandelt, sechs von ihnen mussten ins Krankenhaus gebracht werden, so berichtete die Arbeitsgemeinschaft Augsburger Hilfsorganisationen.

Roland Oster wurde in dieser Nacht aus dem Schlaf gerissen. Er ist bereits seit 25 Jahren bei den Maltesern, arbeitet nicht nur ehrenamtlich als Notfallsanitäter und Einsatzleiter dort, sondern ist auch hauptberuflich im Rettungsdienst. Die 22-jährige Julia Diesenbacher macht gerade ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin und engagiert sich in ihrer Freizeit bei den Maltesern. Sie saß gerade gemütlich zu Hause auf dem Balkon, als sie wegen der Ausschreitungen in der Maxstraße alarmiert wurde. Theoretisch stehen die beiden, ebenso wie ihre Kollegen, immer auf Abruf bereit. Feste Dienstpläne oder Bereitschaftszeiten gibt es nicht. "Jeder entscheidet selbst, wann er einsatzfähig ist", erläutert Udo Lang, der sich seit über 10 Jahren ehrenamtlich als Gruppenführer in den Schnelleinsatzgruppen der Malteser engagiert.

Es fehlt an Geld und Ehrenamtlichen

Schnelleinsatzgruppen sind oft bei Großereignissen gefragt. Bei Bränden, Unwettern, größeren Unfällen etwa. Sie unterstützen, je nach Gruppe, den Rettungsdienst bei der Behandlung, beim Transport oder auch bei der Betreuung, zum Beispiel wenn aufgrund von Bränden oder Bombenfunden Gebäude evakuiert werden müssen. Finanziert werden die Gruppen von Bund und Freistaat. Allerdings, so berichtet Benedikt Mersdorf, nicht ausreichend. Oft werde ein Fahrzeug bezahlt, nicht aber die Ausbildung und der nötige Führerschein für denjenigen, der es fahren soll. Besonders seit dem Wegfall des Zivildienstes sei die Situation schwierig, sagt Mersdorf, der neben seiner Arbeit als Leiter einer Notaufnahme seit 20 Jahren regelmäßig als Rettungsassistent und Zugführer im Einsatz ist.

Mehr Ehrenamtliche und mehr Geld für deren Ausbildung wären nötig. Denn was Bund und Land nicht finanzieren, müssen die Hilfsorganisationen wie die Malteser selbst stemmen. Hinzu komme oft, dass die Arbeitgeber die Einsatzkräfte nicht immer für ihre ehrenamtliche Tätigkeit freistellen. So sei es manchmal nicht leicht, genügend Leute zusammen zu bekommen. Die Gruppe erinnert sich an einen schweren Verkehrsunfall bei Inningen im vergangenen Winter, bei dem ein Auto in einen Schulbus krachte. "Wenn sowas wochentags zu den Kernarbeitszeiten passiert, kommen deutlich weniger Helfer in den Einsatz als an einem Samstag", erklärt Lisa Weber, eine Ehrenamtliche aus dem Landkreis Aichach-Friedberg.

Um an diesen Schwierigkeiten etwas zu verändern, wäre auch die Politik gefragt. Dieser sind die Probleme, mit denen Hilfsorganisationen zu kämpfen haben, durchaus bewusst. In einer Aktuellen Stunde debattierten Abgeordnete des Bayerischen Landtags erst in der vergangenen Woche darüber, wie der Freistaat die Organisationen weiter stärken, mobilisieren und den Nachwuchsmangel beheben könnte. Denn dass die Helfer dringend gebraucht werden, sollten auch die Politiker wissen. Es handle sich schließlich um „Menschen, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche alles liegen und stehen lassen, um uns ein unbeschwertes, sicheres und geschütztes Leben zu ermöglichen – Ihnen gehört unsere Wertschätzung und unsere Anerkennung“, so die Meinung im Plenum des Landtags.

Krankenwagen mit Flaschen beworfen

Trotz aller Widrigkeiten, die es manchmal gibt, trostlos wirkt die Runde am Tisch nicht. Es wird viel gescherzt und gelacht. "Die Gemeinschaft ist wichtig. Gute Kollegen machen viel wett", erzählt Weber. Denn einfach ist die Arbeit der Sanitäter nicht immer. In den vergangenen Jahren habe Respektlosigkeit gegenüber den Einsatzkräften zugenommen. Auch während der Ausschreitungen in der Maxstraße wurde ein Krankenwagen mit Flaschen beworfen, als er sich seinen Weg durch die Menge bahnte. "In solchen Fällen werden wir, wie Polizei und Sicherheitskräfte, zum Feindbild, allein schon wegen der Uniform", berichtet Mersdorf. Und auch bei anderen Einsätzen, gerade im Zusammenhang mit Betrunkenen, werde man schon mal angespuckt oder beleidigt. Ein Grund, das Engagement aufzugeben, ist das für die Gruppe nicht. "Ich mache mir schon Gedanken, wie das Ehrenamt in Zukunft aussehen soll", sagt Mersdorf. "Aber es gibt auch viele schöne Momente. Viele sind auch dankbar, für das, was wir tun."

Wer sich bei den Maltesern Augsburg engagieren will, kann sich per E-Mail an augsburg[at]malteser[dot]org wenden. Auch im Landkreis Aichach-Friedberg werden freiwillige Helfer gesucht. Interessierte können per E-Mail an sybille.stegmair[at]malteser[dot]org Kontakt aufnehmen.

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