Region: Augsburg Stadt

Genaues Geschehen bleibt ungeklärt: 20-Jährige für tödlichen Messerstich in Pfersee wegen Totschlags verurteilt

An einer Bushaltestelle in Pfersee hat eine damals 19-Jährige im vergangenen November einen 28-Jährigen durch einen Messerstich tödlich verletzt. Nun wurde die 20-Jährige am wegen Totschlags verurteilt.

Die 20-Jährige, die im November vergangenen Jahres einen 28-Jährigen an einer Augsburger Bushaltestelle durch einen Messerstich getötet hat, muss wegen Totschlags für sieben Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Mit diesem Urteil folgte die Jugendkammer des Augsburger Landgerichts am Dienstag der Argumentation der Verteidiger, die für ihre ursprünglich wegen Mordes angeklagte Mandantin eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert hatten.

Auch nach der Hauptverhandlung sei letztendlich in vielen Punkten ungeklärt geblieben, wie sich der verhängnisvolle Abend des 27. November tatsächlich abspielte, betonte der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch in seiner Urteilsbegründung. Während die beiden Freunde des Opfers am Tatabend selbst betrunken waren und sich zum Beispiel an einen weiteren Zeugen, der im Vorfeld als Busfahrer am Tatort vorbei kam und eine Zigarette schnorrte, überhaupt nicht erinnern konnten, machte der damalige Freund der Angeklagten, der vor der Tat in eine Auseinandersetzung mit dem 28-Jährigen geraten war, auf Anraten seiner Anwältin nur knappe Angaben zum Vorgehen.

So gebe es "keine für eine Verurteilung tragfähigen Hinweise" darauf, so Hoesch, dass sich die 20-Jährige von sich aus in die Auseinandersetzung einmischte. Es sei auch "nicht zu widerlegen", dass der 28-Jährige sich der damals 19-Jährigen im Laufe des Geschehens näherte und sie erst daraufhin mit dem Messer zustach. Glaubhaft sei auf jeden Fall, dass die junge Frau aufgrund zweier Vergewaltigungen an einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie allgemeinen Angstzuständen leide.

Eine mögliche Version des Tatabends sei es also, dass die Angeklagte zur Selbstverteidigung das Messer aus ihrer Tasche holte und sich dann der – allen Zeugen zufolge harmlosen – Auseinandersetzung näherte, wobei sie den 28-Jährigen erfolglos aufforderte, ihren Freund in Ruhe zu lassen. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung könnte der 28-Jährige der Angeklagten dann so nahe gekommen sein, dass diese aus Angst mit dem Taschenmesser zustach. Sie verletzte den Herzbeutel des Opfers, dessen Herzfunktion innerhalb weniger Minuten zum Erliegen kam. Die Ersthelfer waren "von Beginn an ohne Chance", so der Jugendrichter. Ein bewusstes Ausnutzen der Situation, um den 28-Jährigen zu töten, wie das die Staatsanwaltschaft vermutete, erscheine aber "fernliegend".

Angeklagte soll in der Haft eine Therapie erhalten

Die Verteidigung hatte die Tat damit begründet, dass die Angeklagte aufgrund dieser traumatischen Erfahrungen und der daraus folgenden psychologischen Probleme in massive Panik geraten war. Sie habe sich in diesem Moment wohl in einem "hoch-affektiven Zustand" befunden, betonte Verteidiger Werner Ruisinger auch nach der Urteilsverkündung erneut.

Letztendlich sei nicht nachzuweisen, dass die 20-Jährige das Messer "nicht nur zur Notwehr" gezogen hatte, so Hoesch. Deshalb sei nur eine Verurteilung wegen Totschlags in Frage gekommen. Gegeben sei lediglich ein "bedingter Vorsatz" – die Angeklagte nahm während der Tat also mindestens in Kauf, dass ihr Opfer an dem Messerstich sterben könnte. Es sei klar, dass der Ausgang des Geschehens in diesem Fall "für den Getöteten besonders tragisch" war und es sich um ein Delikt handelte, "das zu den schwersten zählt, die unsere Rechtsprechung kennt". Eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und zehn Monaten sei der Schuld allerdings angemessen.

Zugunsten der Angeklagten sprach, dass diese ein Geständnis abgelegt hatte, für das Gericht glaubwürdige Reue zeigte und letztendlich eine Verminderung der Steuerungsfähigkeit nicht auszuschließen war. In der Haft könne die 20-Jährige eine Ausbildung abschließen, um "ihre Startchance in der Gesellschaft zu verbessern". Außerdem soll sie eine Trauma-Einzeltherapie erhalten.

Verteidigung: "Kein mildes Urteil"

Verteidiger Werner Ruisinger zeigte sich im Anschluss an das Urteil zufrieden damit, dass die Jugendkammer die Tat als Totschlag gewertet hatte. Für eine genaue Klärung des Falls seien "alle Zeugen viel zu unzuverlässig" gewesen. Es sei "kein mildes Urteil", sagte der Anwalt, der eine Freiheitsstrafe von höchstens sechs Jahren für die 20-Jährige gefordert hatte, aber es sei "ein gerechtes Urteil". Nun sei es wichtig, dass der Strafvollzug beginne, damit die Angeklagte, die die Verhandlung nur durch medikamentöse Unterstützung durchgehalten habe, endlich eine Therapie beginnen könne.

Für Anwalt Nicolas Frühsorger, der die Familie des Getöteten vertrat, sei das Urteil allerdings "nicht das gewesen, was wir uns vorgestellt hätten". Wie die Staatsanwaltschaft hatte der Nebenklägervertreter eine Verurteilung wegen Mordes und eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und zwei Monaten gefordert. Er werde mit der Familie nun beraten, ob gegen das Urteil Rechtsmittel eingelegt werden sollen. Letztendlich gebe es aber sowieso keine Strafe, "die der Familie Seelenfrieden verschafft". Man könne nun um zwei weitere Jahre kämpfen, so der Anwalt. "Aber am Ende bleiben nur Scherben."

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