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Mordprozess in Augsburg: Gutachter hält Angeklagte womöglich für vermindert schuldfähig

Freunde des Opfers und Anwohner stellten im vergangenen Jahr Gedenkkerzen für den getöteten 28-Jährigen auf.

Im Prozess um den tödlichen Messerstich an einer Pferseer Bushaltestelle galt es am Freitagvormittag zu klären, inwieweit die 20-jährige Angeklagte schuldfähig ist. Seit Mitte Juli muss sich die junge Frau vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts wegen des Verdachts auf Mord verantworten.

In den vorangegangenen Verhandlungstagen hörte das Gericht etliche Zeugen, die entweder Aufschluss über den Tatabend im November 2020 oder die Persönlichkeit der Angeklagten gaben. Die 20-Jährige selbst gab auch zu, für den tödlichen Stich verantwortlich gewesen zu sein und erklärte, unter Panikattacken und Ängsten zu leiden. Weil sie im Alter von 17 und 18 Jahren vergewaltigt worden sei, trage sie seither stets ein Messer bei sich.

Als sie am Tag der Tat gemeinsam mit ihrem damals 27-jährigen Freund und einem weiteren Zeugen an einer Bushaltestelle vorbeiging, soll das 28-jährige spätere Opfer, so die Version der Angeklagten, den 27-Jährigen begrapscht haben. Daraufhin sei sie auf den 28-Jährigen zugegangen und habe diesen zur Rede gestellt. Dabei hätte sie bereits im Vorfeld ein Klappmesser aus ihrer Handtasche gezogen, die Tasche weggestellt und das Messer einsatzbereit in der Jackentasche parat gelegt. Als der 28-Jährige dann vor ihr stand, hätte sie in Panik zugestochen. Danach hätte ihr Freund "Nichts wie weg!" gerufen und sie seien geflohen.

Verminderte Schuldfähigkeit sei "nicht auszuschließen"

Ein psychiatrischer Gutachter erklärte am Freitag vor Gericht, dass eine verminderte Schuldfähigkeit "nicht auszuschließen" sei. Vorausgesetzt, der 28-Jährige wandte sich tatsächlich der Angeklagten zu. Denn dann wäre in Anbetracht der Vorgeschichte der Angeklagten eine sprunghafte, extreme Paniksituation plausibel, die schließlich zu der folgenschweren Affekthandlung geführt haben könnte. Der Anwalt der Nebenklage, der die Familie des Getöteten vertritt, gab allerdings zu bedenken, dass es im Zuge der Verhandlung sehr wohl Anzeichen dafür gäbe, dass der 28-Jährige damals nicht direkt vor ihr stand.

Staatsanwalt Thomas Junggeburth hakte mehrmals bei dem sachverständigen Psychiater nach. Laut Gutachten leide die Angeklagte unter einer Persönlichkeits- sowie einer posttraumatischen Belastungsstörung und sei in den Sekunden vor der Tat "panikgesteuert" gewesen. Junggeburth stellte fest, dass sich das Gutachten ausschließlich auf die Aussagen der Angeklagten stütze, nicht jedoch aber auf die "objektiven Zeugenaussagen". Denn da gäbe es so einige Widersprüchlichkeiten. Der Psychiater sprach von einer tiefen eigenen Erschütterung nach der Tat. Der Staatsanwalt verwies in diesem Zusammenhang auf die Aussage eines Zeugen, bei dem sich die Angeklagte versteckte. Dieser soll ihr klar gemacht haben, dass sie nicht einfach jemanden abstechen könne. Daraufhin habe sie erwidert: "Doch, wenn er mir blöd kommt", so Junggeburth. Solch ein Verhalten sei aus Sicht des Staatsanwalts weit weg von "eigener Erschütterung". Und auch die beste Freundin der 20-Jährigen sagte am Freitag aus und berichtete von einem gemeinsamen Telefonat wenige Stunden nach dem Vorfall. Nach Angaben der jungen Frau verhielt sich die Angeklagte ihr gegenüber "wie wenn nichts gewesen wäre".

Angeklagte brauche "dringend eine Therapie"

Widersprüchlich sei laut Staatsanwalt auch, dass sich die Angeklagte in der Vergangenheit offenbar in Panik und aus Angst vor Männern zurückgezogen hatte, am Tatabend jedoch in die Offensive ging und aggressiv auf den 28-Jährigen zuging. Wie der Gutachter berichtete, könne sowohl der Angriff als auch die Flucht auf einen erhöhten Adrenalinspiegel hindeuten. Der Psychiater stellte aber klar: "Ich bin hier nicht für die Wahrheitsfindung zuständig." Er gebe lediglich seine Einschätzung zum psychischen Zustand der Angeklagten ab. Aus seiner Sicht bräuchte die 20-Jährige "dringend eine Therapie".

Am Montag finden vor dem Augsburger Landgericht die Plädoyers statt, ehe am Dienstag voraussichtlich ein Urteil verkündet wird.

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