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Pferseer Mordprozess kurz vor dem Ende: Beging die 20-Jährige Mord oder Totschlag?

Nach sechs Verhandlungstagen fällt im Prozess um den tödlichen Messerstich in Pfersee am Dienstag das Urteil.

Das Urteil im Prozess um einen tödlichen Messerstich im Augsburger Stadtteil Pfersee steht kurz bevor. Am Tag vor der Urteilsverkündung zogen Staatsanwaltschaft, Nebenkläger und Verteidiger am Montag in den Plädoyers unterschiedliche Schlüsse aus der Beweisaufnahme, die insgesamt fünf Verhandlungstage in Anspruch nahm. Auf eine Verurteilung wegen Mordes plädierten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Vertreter der Angehörigen des 28-jährigen Opfers. Die Verteidigung forderte vom Gericht hingegen eine Verurteilung wegen Totschlags.

Die heute 20-jährige Angeklagte, die zum Tatzeitpunkt im November 2020 19 Jahre alt war, wird nach dem Jugendstrafrecht belangt. Hinweise auf Reiferückstände ergäben sich aus dem Lebenslauf der Angeklagten eindeutig, betonte Staatsanwalt Thomas Junggeburth. Im Jugendstrafrecht droht der Angeklagten für Mord eine maximale Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Die besondere Schwere der Schuld, die in Ausnahmefällen eine Verurteilung zu bis zu 15 Jahren rechtfertigen würde, sei in diesem Fall nicht gegeben.

Die Staatsanwaltschaft blieb in ihren Forderungen allerdings nahe am möglichen Höchstmaß und forderte für die Angeklagte eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und zwei Monaten wegen Mordes. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft habe der Prozess die Vorwürfe gegen die Angeklagte "in vollem Umfang erwiesen".

Die 20-Jährige hatte die Tat an sich gestanden. Dass sie aus Angst gehandelt habe, glaubte die Staatsanwaltschaft ihr allerdings nicht. Keiner der Zeugen habe das Verhalten der Angeklagten an der Bushaltestelle als ängstlich wahrgenommen. Stattdessen habe sie die andere Gruppe provoziert und habe einen der Freunde des Opfers gestoppt, als dieser in die Auseinandersetzung eingreifen wollte. Das passe nicht in die Verhaltensmuster, die Freunde der Angeklagten beschrieben, als sie über ihre Angstzustände sprachen. Die 20-Jährige werde in diesen Situationen wohl "passiv und weinerlich" und sei "gefangen in ihren Ängsten", betonte Junggeburth. Das sei am 27. November aber nicht der Fall gewesen.

Staatsanwaltschaft: Mordmerkmal der Heimtücke eindeutig gegeben

Es habe sich außerdem auch nicht um eine spontane Tat gehandelt. Die Angeklagte habe zunächst in ihrer Handtasche nach dem Messer gesucht und die Tasche dann zurück an die Haltestelle gestellt, bevor sie sich von sich aus und mit dem ausgeklappten Messer in der Jackentasche der harmlosen Auseinandersetzung zwischen ihrem Freund und dem Tatopfer näherte. Der 28-Jährige habe keine Warnung erhalten, sei also wehrlos gewesen, als sie ihm unerwartet mit dem Messer in die Brust stach. Das Mordmerkmal der Heimtücke sei damit eindeutig gegeben.

Zu ihren Gunsten könne das Geständnis gewertet werden, sowie der "scheinbare Anlass", wenngleich dieser die Tat nicht rechtfertige: Obwohl die Zeugen vor Gericht nicht bestätigt hätten, dass der 28-Jährige im Vorfeld an die Auseinandersetzung den Freund der Angeklagten am Gesäß berührt hatte – der Ex-Freund der Angeklagten selbst verweigerte hierzu seine Aussage – sei sie wohl davon ausgegangen, dass es zu dem Übergriff gekommen war. Für die Angeklagte sprächen auch ihr Drogenkonsum, ihre schwierigen Lebensumstände und ihre psychischen Beeinträchtigungen.

Auf diese Punkte stützte sich in ihrem Plädoyer auch die Verteidigung, die insgesamt aber einen anderen Schluss zog als die Staatsanwaltschaft: Aus Panik habe die 20-Jährige "den Fehler ihres Lebens begangen", sagte Verteidiger Werner Ruisinger. Aufgrund eigener Vergewaltigungserfahrungen sei die Angeklagte traumatisiert. Aus Panik und Angst vor einem weiteren sexuellen Übergriff habe sie an diesem Nachmittag zugestochen.

Nebenkläger: Es gibt "keine  gerechte Strafe"

Den Vorwurf der Heimtücke wies die Verteidigung jedoch zurück. Das spätere Opfer, selbst "ein Mann der Straße", habe in der hektischen Situation gewusst, dass es "jetzt Stress gibt", war Ruisinger überzeugt. Der 28-Jährige hätte aus seiner Sicht "zum Zeitpunkt der Tat mit einem Angriff auf seine körperliche Unversehrtheit rechnen" müssen. Somit dürfe die Angeklagte nicht wegen Mordes, sondern lediglich wegen Totschlags verurteilt werden. Da außerdem auch eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund der vom Gutachter diagnostizierten Posttraumatischen Belastungs- und Persönlichkeitsstörung sowie ihres Alkoholkonsums nicht auszuschließen sei, forderten die Verteidiger der 20-Jährigen eine Jugendstrafe von maximal sechs Jahren. In der Haft könne sie eine Berufsausbildung abschließen, und versuchen "zukünftig ein besserer, stabilerer Mensch zu werden".

Der Anwalt der Familie des Opfers, die als Nebenkläger auftritt, schloss sich in seinen Forderungen zum Strafmaß denen der Staatsanwaltschaft an. Es gebe "keine gerechte Strafe" für das, was passiert ist, betonte der Nebenklägervertreter. Dennoch sei es wichtig, dass die Familie und auch das Opfer Gerechtigkeit erfahren. Die Angeklagte werde lernen, mit dem Geschehenen zu leben. "Hier sind Leute, die werden jeden Tag an die Tat erinnert werden", betonte der Anwalt in Anwesenheit der Mutter und des Bruders des 28-Jährigen.

Die Angeklagte erhielt schließlich das letzte Wort. "Ich hoffe, dass er jetzt an einem besseren Ort mit viel Liebe ist", sagte sie. "Und dass er mir vergeben wird."

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