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Doch vermindert schuldfähig? Erster Verhandlungstag im neu aufgerollten Neusässer Mordprozess

Der Angeklagte (Mitte rechts) mit seinem Verteidiger Marc Duchon.

Wegen Mordes wurde ein heute 36-Jähriger im Februar vergangenen Jahres zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er hatte einen Kollegen in seinem Wohncontainer im Neusässer Industriegebiet brutal getötet. Nun muss der Fall am Augsburger Landgericht aber neu verhandelt werden. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil aufgebhoben. Die Ausführungen des Gerichts, warum eine verminderte Schuldfähigkeit beim Angeklagten damals ausgeschlossen wurde, würden einer rechtlichen Prüfung nicht standhalten, begründete das der Bundesgerichtshof.

In dem erneuten Prozess wird an insgesamt fünf angesetzten Verhandlungstagen deshalb wohl ein besonderes Augenmerk auf den Alkohol- und Drogenkonsum des Angeklagten gelegt werden. Die Tat selbst hatte er bereits im ersten Prozess gestanden. Der 36-Jährige war alkoholabhängig, nachgewiesen werden konnte auch ein geringer Cannabis-Konsum am Tag der Tat. Der Elektriker arbeitete seit 2014 bei dem Gerüstbau-Unternehmen im Täfertinger Industriegebiet. Der gebürtige Pole lebte dort in einem Container, ebenso wie sein Opfer, ein 24-Jähriger, der ebenfalls aus Polen stammte.

Der Abend des 31. Januar 2019 begann nicht ungewöhnlich für den Getöteten. Er lud den 36-Jährigen zum Whiskey-Trinken ein, machte seinem Gast noch eine Tiefkühlpizza, die dieser eigenen Angaben zufolge mit einem Messer aus seiner Küche – der späteren Tatwaffe – aufschnitt. Wenige Stunden später, am frühen Morgen des 1. Februar, war der 24-Jährige tot. Der Angeklagte hatte zunächst eine Hantelscheibe aus dem Fitnessstudio des Unternehmens geholt und seinem Opfer damit mehrere Schläge gegen den Hinterkopf versetzt. Als der 24-Jährige zu Boden ging, schlug ihm der Angeklagte weiter mit dem Gewicht ins Gesicht. Dann soll er das Messer genommen haben, um seinem Opfer mehrmals in die Brust zu stechen. Dabei war laut dem Sachbearbeiter des Falls bei der Polizei "jeder Stich alleine schon tödlich" – der Angeklagte traf das Herz und die Lungenflügel. Er nutzte das Messer daraufhin, um den Hals des 24-Jährigen fast vollständig zu durchtrennen und steckte die Tatwaffe dann in den Bauch des Opfers.

Angeklagter kann sich an Tat nicht erinnern

Warum es zu der Tat kam und warum diese derart brutal ausgeführt wurde, ist weiterhin unklar. Der Angeklagte selbst gibt an, sich an die Tat oder an mögliche Auslöser überhaupt nicht mehr zu erinnern. In der ersten Verhandlung machte er wenige Angaben zu den Geschehnissen. Am Dienstag ließ er nun von seinem Verteidiger eine ausführlichere Stellungnahme verlesen und beantwortete Nachfragen der Vorsitzenden Richterin Caroline Hillmann.

"Er weiß, dass er der Täter ist und dass er ein Massaker hinterlassen hat", sagte Verteidiger Marc Duchon. Sein Mandant könne aber "die geschehene Tat nicht in Einklang mit sich und seiner Persönlichkeit bringen". Gutachter erkannten beim Angeklagten weder eine Persönlichkeitsstörung noch einen Hang zur Gewalt. Den Grund für die Tat sucht der Angeklagte beim Alkohol- und Drogenkonsum. Aber auch ein Telefonat mit seiner Frau in Verbindung mit einer Aussage des Opfers könnten laut dem Bundesgerichtshof "eine psychische Ausnahmesituation begründet haben". Die Frau des Angeklagten, die wegen seiner Abhängigkeit bereits mit den vier Kindern nach Polen zurückgezogen war, hatte ihn an diesem Tag über ein Videotelefonat betrunken erwischt und die endgültige Trennung angekündigt. Zeugen gegenüber soll der Angeklagte in dieser Nacht außerdem angedeutet haben, der 24-Jährige habe seine Familie bedroht.

Daran erinnert der Angeklagte selbst sich heute nach eigenen Angaben nicht mehr, dafür aber an ein "unglaubliches Bedrohungsgefühl". Er erinnere sich an ein Bild des Opfers mit einem Messer in der Hand, doch nicht mit dem Gesicht des 24-Jährigen, sondern mit einer "furchterregenden Fratze".

Bislang sahen die Sachverständigen aufgrund einer Alkoholisierung von rund 2,4 Promille zur Tatzeit und des unauffälligen Verhaltens gegenüber Polizei und Zeugen in der Tatnacht keine Hinweise auf eine verminderte Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten. Der Bundesgerichtshof sah auch hier Nachbesserungsbedarf. Bei Alkoholikern sei das "äußere Leistungsvermögen" nicht immer ein sicherer Hinweis auf das innere Steuerungsvermögen.

Im Prozess werden die zahlreichen Zeugen nun erneut befragt und auch die Sachverständigen müssen ihre Einschätzungen zu einer möglichen verminderten Schuldfähigkeit erneut abgeben. (lat)

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