Region: Augsburg Stadt

Vier Zähne ausgeschlagen: 22-Jähriger nach Attacke am Königsplatz zu Haftstrafe verurteilt

Verfahren abgetrennt: Der Prozess gegen einen 24-jährigen Angeklagten (rechts) wird im Frühjahr fortgesetzt, da dieser nicht mit den Absprachen seiner Verteidigerin Catharina Müller (hinten rechts), der Staatsanwaltschaft und dem Gericht einverstanden ist. Ein 22-Jähriger (vorne links, im Gespräch mit einem Dolmetscher) hat die Vorwürfe auf Anraten seiner Verteidigerin Alexandra Gutmeyr (links) eingeräumt.

Für einen 45 Jahre alten Mann sollte der Abend des 28. März vergangenen Jahres einer der letzten in Augsburg sein. An diesem Tag hatte er seinen letzten Arbeitstag, ehe er nach Nürnberg ziehen und eine neue Arbeitsstelle antreten wollte. Doch in der Grünanlage im Bereich des Augsburger Königsplatzes sah er eine Schubserei zwischen einigen jungen Männern. Der gebürtige Russe entschied sich, zu schlichten. Doch dann wurde der hilfsbereite Mann selbst zum Ziel der Aggressionen, bekam mehrere Faustschläge ab und ging zu Boden. Ein damals 20-jähriger Algerier trat daraufhin mit voller Wucht in das Gesicht des wehrlosen Mannes, der nun bis an sein Lebensende mit den körperlichen Folgen leben muss. Der junge Angreifer musste sich am Donnerstag vor einem Augsburger Schöffengericht um vorsitzende Richterin Ute Bernhard wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Angeklagt waren ursprünglich auch drei junge Männer aus Syrien im Alter zwischen 20 und 26 Jahren. Da bei Zweien der Aufenthaltsort derzeit unbekannt ist und ein weiterer die Absprachen, die Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Schöffengericht getroffen haben, ablehnte, wurde am Donnerstag nur dem heute 22-jährigen Angeklagten der Prozess gemacht.

Angeklagter sitzt bereits im Gefängnis

Dieser legte ein umfassendes Geständnis ab und entschuldigte sich bei seinem Opfer. Über seine Verteidigerin Alexandra Gutmeyr erklärte der junge Mann, dass er damals nahezu durchgehend unter dem Einfluss von Alkohol und Betäubungsmitteln stand. Rauchte er anfänglich rund drei Gramm Marihuana am Tag, so steigerte er seinen Konsum auf letztlich zehn Gramm täglich, gepaart mit hochprozentigem Alkohol - bis er ins Gefängnis musste. Dort sitzt er seit September vergangenen Jahres, weil er wegen anderer Straftaten wie Diebstahl mit Waffen und einem Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Da er allerdings weitere Gesetzesverstöße beging, wurde die Bewährung widerrufen.

Seinen Lebensunterhalt sowie seinen Alkohol- und Drogenkonsum finanzierte der 22-Jährige durch Ersparnisse in Höhe von rund 18 000 Euro. Das Geld hatte er beiseite gelegt, als er in Italien als Mechaniker arbeitete, ehe er im Oktober 2018 nach Deutschland flüchtete. "Er hat sich hier leider nicht die besten Freunde ausgesucht", sagte seine Verteidigerin. Durch den Missbrauch von Alkohol und Drogen hätte er seine Grenzen nicht mehr gekannt. Gearbeitet hat er in Deutschland bislang nicht, genauso wenig wie er einen Deutschkurs besucht hat. Die Sprache hätte der Angeklagte "auf der Straße gelernt", erklärte eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. Vor Gericht musste ein Dolmetscher für den Mann übersetzen.

Als Zeuge trat lediglich der 45-jährige Mann auf, der vom Angeklagten und dessen Freunden zusammengeschlagen worden war. "Bis jetzt weiß ich nicht, was damals passiert ist", sagte er aus.

Richterin Bernhard wollte schließlich von dem Mann wissen, wie es ihm seither ergangen ist und welche Folgen die damaligen Ereignisse haben. So erklärte der 45-Jährige, dass er etwa sechs Wochen lang aufgrund eines gebrochenen Sprunggelenks nicht laufen konnte. Außerdem spürte er nach der Tat vorübergehend eine Hälfte seines Kopfes nicht mehr. Durch den Fußtritt des 22-Jährigen hat der 45-Jährige zudem seine vier oberen Schneidezähne verloren. Nach einer Übergangslösung hat er erst vor etwa drei Wochen seine dauerhafte Zahnprothese bekommen.

Schöffengericht sieht in der Attacke das Sicherheitsgefühl der Allgemeinheit beeinträchtigt

Doch der Angriff des Angeklagten hat nicht nur lebenslange körperliche Folgen für sein Opfer, sondern auch wirtschaftliche, denn die neue Arbeitsstelle hat der Mann durch die Geschehnisse verloren. "Das war die Arbeitsstelle, die ich mir gewünscht und gesucht habe. Ich dachte, da bleibe ich jetzt bis zur Rente", erklärte der Geschädigte vor Gericht. Nun ist er seither arbeitssuchend.

Richterin Ute Bernhard verurteilte den Angeklagten schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe in Höhe von einem Jahr und acht Monaten. "Hier ist jemand auf offener Straße angegriffen worden", sagte Bernhard und erklärte weiter, dass dies nicht nur das Sicherheitsgefühl des Geschädigten beeinträchtige, sondern das der Allgemeinheit.

Wenn der junge Mann seine Strafe in Deutschland verbüßt hat, muss er zurück nach Italien, wo er sich für dortige Straftaten verantworten muss. (pb)

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