Region: Augsburg Stadt

Mit einem „großen tränenden Auge“

Martin Klimesch, Rechtsanwalt bei der Kanzlei Klimesch & Kollegen.

Abschied nehmen

Liebe Leserinnen und Leser der Stadtzeitung,

ein großes weinendes Auge: die StaZ stellt zum Ende des Jahres 2022 ihren Betrieb ein. In einer Zeit voller Umbrüche hat der Wandel auch vor dieser in der Region Schwaben und Allgäu liebgewonnen Lektüre nicht halt gemacht. Man könnte fast schwermütig werden ob des Chaos, welches diese Zeiten uns in immer neuen Schwedenhappen servieren. Es geht uns ja alle an. So hat der Unternehmerkreis „Zukunft in Not“ – ein Zusammenschluss von 680 Unternehmen im Wirtschaftsraum Augsburg - in einem Brandbrief Mitte November 2022 vor einer ruinösen Entwicklung für die heimischen Betriebe gewarnt. Ehrlich gesagt kann auch mich die Politik der Ampel nicht überzeugen, wenn hier wichtige Energiequellen wie die Atomkraft nicht viel stärker und länger angezapft werden. Das ist fahrlässig.

Was nützt es dem Bäcker, wenn er sich stolz einen „Atomkraft – nein danke“-Sticker auf sein Fahrzeug kleben kann, wenn keine Brezn mehr produziert werden, die er noch ausliefern kann? Die Gaspreisbremse sollte in krisenhaften Zeiten auch für Kleinbetriebe und Verbraucher ab Januar greifen, und nicht erst ab März (Anm. d. Red.: zum Zeitpunkt der Abfassung des Beitrags Mitte November 2022 war die „Winterlücke“ bei der Gaspreisbremse noch nicht geschlossen; diese soll nun ab 1. März 2023 rückwirkend ab Januar 2023 gelten). Olaf Scholz salbungsvoll: „You´ll never walk alone“ – man hat den Eindruck, die Taten bleibt er schuldig.

Womit wir bei den beiden Grünen Ministern Steffi Lemke (Umwelt) und Cem Özdemir (Landwirtschaft) wären. Hier geschieht im Naturschutz, im Artenschutz und bei der ökologischen Agrarwende … genau: nix. Im Gegenteil wurden von der EU für den Artenschutz reservieren Flächen von vier Prozent für den Ackerbau freigegeben. Und die wenigen Insekten, die wir noch haben, werden gleich mit umgepflügt. Zur Ehrenrettung der beiden sei gesagt, dass meine eigene Partei, die CSU, leider beim Thema Artenschutz und ökologische Landwirtschaft genauso hinterherhinkt. Hier konnte man erleben, wie notwendige Biotopstrukturen, mithin die letzten Zuflüchte von Feldlerche, Kiebitz und Laufkäfer, wie eine auszuzelte Weißwurst auf dem Altar der Krise geopfert werden. Der Mensch muss essen, das Tier nicht. Verpass ihm noch eine Pestizidladung.

Wussten Sie, dass unser geliebtes Gartentier, der Igel, in Bayern seit 2018 auf der Vorwarnstufe zur Roten Liste steht? Und fällt es nicht auf, wenn beim Autofahren die Scheiben bei der Ankunft noch sind wie geleckt, während sie noch vor zwei Jahrzehnten einem von Jackson Pollock in seiner berühmten Dripping-Technik geschaffenen, modernen Kunstwerk ähnelten? Die Biodiversitätskrise, wie das Artensterben und Insektensterben wohl fachlich gehoben heißt, ist ein ebenso drängendes Problem wie die Gaspreise und die Inflation. Nur dass hier keiner für unsere Mitgeschöpfe auf die Straße geht. Warum auch, Insekten bringen kein Geld. Übrigens haben auch Bäume kein Bankkonto, kein Portemonnaie. Das merkt man schmerzlich, wenn wieder einmal mächtige alte Bäume einem Bauvorhaben zum Opfer fallen. Baurecht vor Baumrecht, so hat es der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in 2018 entschieden. Kann da die Politik nichts machen? Eher nicht, weil Bäume und Igel, wie ja bereits erwähnt, keine Wählerstimme habe, um die man buhlen müsste. So stirbt in Fortsetzung der Merkel´schen Schlafwagenpolitik eine Art nach der anderen aus. Aber Hauptsache das neueste iPhone klingelt in der modischen Handtasche. Und auch der nächste Urlaub ist gesichert.

Zurück zum Ausgangspunkt. Ich habe immer gerne, sogar sehr gerne für die StaZ in meiner wöchentlichen Kolumne „Klimesch hat Recht“ geschrieben. Und ich bin nicht aus der Welt, ich werde voraussichtlich weiterhin in der Zeitung „extra“ schreiben, welche die StaZ an den Wochenenden ersetzen wird und dann stattdessen jeden Samstag in Ihren Briefkasten flattert. Und in jeder Krise liegen auch Chancen. Die äußerst tüchtigen und zu 100 Prozent zuverlässigen Mitarbeiter der StaZ werden eine neue Entwicklungsstätte finden, daran habe ich keine Zweifel. Mein Dank für eine nicht nur reibungslose, sondern hervorragende Zusammenarbeit geht an das ganze Team der StaZ, namentlich auch an Frau Schmiedl und Frau Nahirni-Vogg, die mich mit meiner Kolumne geradezu liebevoll betreut haben.

Auch für meine Leser gibt es trotz der genannten wirtschaftlichen und ökologischen Krisen keinen Anlass, in Grübelei und Schwermut zu verfallen. In jeder Krise liegen Chancen. Jetzt erst recht. Haben Sie keine Angst vor Veränderung. Deutschland ist ein starkes Land, mit wunderbaren Menschen. Ich bin zuversichtlich, nicht weil Mutti Merkel ein „wir schaffen das“ in die Welt gepustet hat, sondern weil in unserem Land die vielen fachlich hochqualifizierten und im internationalen Vergleich wirklich fleißigen Menschen den Unterschied machen. Und bleiben Sie meiner Kolumne treu, wenn sie demnächst im „extra“ erscheint. Nicht umsonst stammen ca. 60 Prozent der Mandanten meiner Kanzlei aus der Region Schwaben und Allgäu. Eine Region, die mir und meinem Kanzleikollegen RA Alexander Walther ans Herz gewachsen ist. Auf ein „Wiederlesen“ wünsche ich Ihnen Mut und gute Gedanken.

Ihr Martin Klimesch, Rechtsanwalt bei der Kanzlei Klimesch & Kollegen

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