Region: Augsburg Stadt

Bald wieder Notunterkünfte in Turnhallen?

Landrat Martin Sailer warnt: Wenn sich nichts ändere, dann könnten bald wieder Notunterkünfte für Flüchtlinge in Schulturnhallen eingerichtet werden. 2015 mussten etwa in der Turnhalle der Reischleschen Wirtschaftsschule (im Bild) Geflüchtete unterkommen..

Mit einem Warnruf hat sich der Augsburger Landrat Martin Sailer am Montag an die Öffentlichkeit gewandt. Im Landkreis Augsburg fehlt der Platz, um Geflüchtete Menschen unterbringen zu können. Wenn sich an der Situation nichts ändere, befürchtet Sailer, dass Schulturnhallen wieder als Notunterkünfte herhalten müssten. Er fordert deshalb mehr Unterstützung von der Regierung von Schwaben.

Den wenigsten Deutschen sei bewusst, dass die Flüchtlingskrise, die in den Jahren 2015 und 2016 noch in aller Munde war, die zuständigen Behörden heute vor fast noch größere Herausforderungen stelle, als es damals der Fall gewesen sei. "Die Zahl der Geflüchteten, die im Landkreis untergebracht werden müssen, ist aktuell auf dem höchsten Stand seit 2016", schreibt das Landratsamt in der Mitteilung am Montag. Schuld sei aber keineswegs der Ukraine-Konflikt. Im Landkreis Augsburg kamen laut Landratsamt die meisten Schutzsuchenden im Dezember 2022 aus dem Irak, Afghanistan, der Türkei, Nigeria und Syrien.

„Wir bekommen über die Regierung derzeit etwa 25 Personen pro Woche zugewiesen“, erläutert Landrat Martin Sailer. Selbst über die Weihnachtsfeiertage, an denen es in der Vergangenheit immer eine Art Zuweisungsstopp gegeben habe, kamen Geflüchtete an. „Wenn das so weitergeht, weiß ich nicht, wie lange wir es noch verhindern können, wieder Schulturnhallen zu Notunterkünften umzufunktionieren“, so Sailer.

Die 67 dezentralen Unterkünfte sowie die Gemeinschaftsunterkünfte der Regierung von Schwaben sind nach Angaben des Landratsamtes praktisch voll belegt, weshalb das Amt bereits auf Beherbergungsbetriebe zurückgreifen müsss, um die derzeit 2113 asylsuchenden Personen staatlich unterbringen zu können. Allein 1023 von ihnen haben den Landkreis als Asylsuchende im Jahr 2022 erreicht. Die rund 2000 Geflüchteten aus der Ukraine, die zumeist privat untergekommen sind, sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Vierstellig war die Marke der Neuzugewiesenen im Landkreis zuletzt im Jahr 2015. Danach waren die jährlichen Zuweisungen zeitweise sogar bis auf rund 200 Personen (im Jahr 2020) abgesunken. „Um Steuergelder einzusparen, hat man sich damals dazu entschieden, leerstehende Unterkünfte nicht dauerhaft vorzuhalten, weshalb uns jetzt rund 700 Plätze weniger als 2016 zur Verfügung stehen“, so Sailer. Ein Fakt, der es dem Landkreis heute schwierig mache, die notwendigen Kapazitäten wiederaufzubauen. Denn anders als 2015 und 2016 gebe es kaum geeignete leerstehende Gebäude mehr, "die Bereitschaft, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist stark zurückgegangen und viele Beherbergungsbetriebe, die damals zur Unterbringung angemietet wurden, haben die Corona-Pandemie nicht überlebt", so das Landratsamt.

Besonders herausfordernd scheint die Situation mit unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten zu sein. Auch deren Anzahl steige seit der Vorjahresmitte stetig an: „Die ohnehin begrenzt vorhandenen Unterbringungsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe sind sehr stark ausgelastet, weshalb wir teilweise auf Not- und Übergangslösungen zurückgreifen müssen, um die Kinder und Jugendlichen überhaupt noch unterbringen zu können", berichtet Sailer. Allerdings müsse man häufig Abstriche hinsichtlich Betreuung und Ausstattung machen, was alles andere als ideal sei, bedauert der Landrat. Zudem mache sich auch der Fachkräftemangel im Bereich der Betreuung junger Menschen bemerkbar.

Ginge es nach Sailer, dann ließe sich das Problem mit einer Art Anker-Einrichtung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in den Griff bekommen. Solch eine Anker-Einrichtung würde von der Regierung zentral verwaltet und betrieben werden. So könnten vorhandene Ressourcen besser gebündelt und gezielt eingesetzt werden. „Da das hier ein gemeinsames Problem vieler Gebietskörperschaften ist, ist es, denke ich, an der Zeit, auch zum Wohl der zum Teil traumatisierten Kinder und Jugendlichen über zielführende Lösungsmöglichkeiten und neue Vorgehensweisen nachzudenken“, fordert Sailer.

Auch wenn sich die Landkreisverwaltung alle Mühe gibt, alleine wird sie mit der Situation nicht fertig werden. "Unsere Möglichkeiten sind nahezu ausgeschöpft und die Unterbringungsproblematik entwickelt sich zu einer existenziellen Frage“, macht Sailer deutlich und stellt klar: „Wenn wir nicht wollen, dass die Situation in den nächsten Monaten völlig aus den Fugen gerät, brauchen wir mehr Unterstützung von der Regierung." Es könne nicht sein, dass die Geflüchteten von den Ankerzentren immer nur weitergeschickt würden – "egal, ob wir verfügbare Plätze haben, oder nicht". Sailer appelliert an den Freistaat, möglichst schnell deutlich mehr Plätze in den eigenen Aufnahmeeinrichtungen zu schaffen und zusätzliche Gemeinschaftsunterkünfte anzumieten.

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