Region: Augsburg Stadt

Das Fünfte Leben des Färberturms: Bürgerzentrum im Textilviertel feiert Einweihung

Zwei Jahre nach der symbolischen Schlüsselübergabe wurde am Färberturm nun die offizielle Eröffnung gefeiert.

Handwerksbetrieb der Färber, Pferdestall, Trockenplatz für Feuerwehrschläuche, Gerümpelkammer - all das war der Färberturm im Augsburger Textilviertel in seiner gut 225-jährigen Geschichte. 2020 begann offiziell sein fünftes Leben als Stadtteilzentrum. Und genau zwei Jahre später konnte nun auch die aufgrund der Pandemie vorerst entfallene Einweihungsfeier stattfinden.

Seit 2020 treffen sich einmal pro Monat die "Textilmotten" im Färberturm. Die rund 20-köpfige Gruppe von Kreativen näht, strickt, bastelt und tauscht in unterhaltsamer Runde ihr Wissen über Stoffe und Techniken aus. Die Textilmotten gibt es bereits seit 2013. Zuvor fanden ihre Treffen im Textilmuseum statt. In ihrem neuen Quartier im Turm sei zwar etwas weniger Platz, berichtet Edith Stockmann, "dafür ist das Ambiente hier so schön".

Die Textilfreunde sind nicht die einzigen, die das neue Bürgerzentrum von Beginn an gerne angenommen haben. Die Mitglieder des Vereins "Bürgeraktion Textilviertel" veranstalten im Erdgeschoss des Turms einmal wöchentlich einen Italienischkurs. Samstags können Anfänger in der Schafkopfrunde lernen, was es mit einem Wenz oder einem Alten auf sich hat. Schüler der Rudolf-Steiner-Schule lernen im Zuge eines Projekts alles rund um den Betrieb eines Cafés: von der Zubereitung leckerer Kuchen bis zum Umgang mit Gästen. Hinzu kommen Fotografie-Kurse und Fachberatungen für Senioren. Im Obergeschoss, in einem ruhigen Raum ganz aus Holz, trifft sich regelmäßig eine Yoga-Gruppe. Künftig sollen dort auch Pilates, Meditation und Feldenkraiskurse angeboten werden. Zudem kann man den Färberturm auch für kleine private Feiern mieten.

Initiiert hat die neue Nutzung des Turms als Stadtteilzentrum der Verein Bürgeraktion Textilviertel gemeinsam mit der Stadt Augsburg. Bereits seit 2009 wurde die Sanierung geplant. Nach umfangreichen Untersuchungen von unter anderem Bausubstanz, Statik, Brandschutz und Zustandes des Holzes konnten dann 2018 die handwerklichen Arbeiten beginnen. Im Erdgeschoss entstand ein Aufenthaltsraum mit Teeküche und barrierefreier Toilette, im oberen Teil wurde mittels eines Holzkubus eine Haus-in-Haus-Konstruktion geschaffen. Zudem bekam der insgesamt 17 Meter hohe Turm neue Fenster, Türen, Treppen und einen Technikraum. Am 17. September 2020 übergab Bürgermeisterin Eva Weber den symbolischen Schlüssel an die Bürgeraktion Textilviertel. Im Folgejahr würdigte der Bezirk Schwaben die Sanierung dieses "ältesten noch erhaltenen vorindustriellen Baudenkmals der langen Augsburger Textilgeschichte" mit dem Denkmalpreis.

Eine richtige Einweihungsfeier war wegen der Corona-Pandemie zunächst nicht möglich. Umso mehr freuten sich alle Beteiligten nun, die Feier auf den Tag genau zwei Jahre später nachholen zu können. Mit Essen, Getränken, Live-Band, einer Benefizversteigerung und einem bunten Kinderprogramm wurde am Samstag von 15 bis 21 Uhr gefeiert. Dabei bekamen Besucher stündlich auch die Gelegenheit, den Turm zu besichtigen und einiges über seine Geschichte zu erfahren.

1795 erbaute eine Färberfamilie den Turm. Im gesamten Augsburger Stadtgebiet gab es noch drei weitere solcher Türme, von denen außer dem Färberturm jedoch keiner mehr erhalten ist. 1836 kam der Umbruch durch die Industrialisierung. Der Turm wurde an Johann Anton Friedrich Merz, den Gründer der Kammgarnspinnerei verkauft. Da der Betrieb Stoffe bereits maschinell färben und trocknen konnte, wurde der Färbertrum dafür nicht mehr gebraucht und stattdessen in einen Pferdestall umfunktioniert. Als schließlich zunehmend Lastwagen die Aufgaben der Pferde übernahmen, wurde der Turm schließlich erneut zum Trocknen genutzt, diesmal allerdings nicht von Stoffen sondern von Feuerwehrschläuchen. Als er auch dafür nicht mehr gebraucht wurde, fristete der Färberturm über lange Zeit sein Dasein als Gerümpelkammer. Jugendliche brachen ein, um dort nächtliche Partys zu veranstalten und 2013 wurde er sogar beinahe Opfer eines Brandes, als vermutlich Feiernde dort ein Feuer entfachten.

Das mittlerweile fünfte Leben des Färberturms als Bürgerzentrum dauert bislang vergleichsweise kurz an. Doch die Bürgeraktion Textilviertel arbeitet stetig weiter daran, dem Zentrum Leben einzuhauchen. So sind auch Ideen willkommen, um das Programm im Turm noch bunter und für alle Bürger des Textilviertels ansprechend zu gestalten.

Die gesamte Geschichte des Turmes hat Renate Rampp, Vorsitzende der Bürgeraktion Textilviertel, in einer Festschrift zusammengefasst. Wer Genaueres dazu nachlesen möchte oder den Verein näher kennenlernen will, findet diesen unter www.buergeraktion-textilviertel.de.

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