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Was müsste Fleisch wirklich kosten? Penny und Uni Augsburg zeigen "wahre Kosten" der Lebensmittel auf

Am schlechtesten schnitt in der Forschung der Universität Augsburg die konventionelle Tierhaltung ab. (Symbolbild)

Für einen Discounter in Berlin haben Augsburger Forscher berechnet, wie teuer Lebensmittel wären, wenn die ökologischen Folgen der Produktion mit eingerechnet würden.

Was müssten Lebensmittel wirklich kosten, wenn die Kunden im Laden auch für die Folgen ihrer Produktion für Umwelt und Gesellschaft zahlen müssten? In einem Anfang September in Berlin eröffneten Penny-Markt gibt es nun für einige Lebensmittel ein zusätzliches Preisschild, das diese "wahren Kosten" aufzeigen soll. Berechnet hat sie der Wissenschaftler Tobias Gaugler von der Universität Augsburg. Gaugler und sein Team am Institut für Materials Resource Management der Universität forschen bereits seit mehreren Jahren zu diesen sogenannten "externen Kosten" handelsüblicher Lebensmittel.

Laut den Forschern müssten Verbraucher je nach Produkt zwischen sechs und 196 Prozent mehr für die Lebensmittel im Supermarkt bezahlen, wenn die ökologischen Einflüsse entlang der Lieferkette mit einberechnet würden. Aktuell komme für diese Kosten stattdessen die Gesamtgesellschaft auf. So zahlen etwa die Verbraucher mit der Wasserrechnung für die Aufbereitung von Trinkwasser, das durch Düngemittel belastet ist.

Viele Emissionen, wenig Ertrag?

Besonders gehen die "True Costs" aber auch auf die Folgen für die Umwelt ein. Denn auch für die Treibhausgasemissionen, die bei der Produktion von Lebensmitteln entstehen, bezahlt laut den Forschern letztendlich die Gesamtgesellschaft - und zwar mit den Auswirkungen des Klimawandels.

Die Emissionen aus dem Lebensmittelhandel müssten laut der bereits 2018 von den Wissenschaftlern veröffentlichten Studie "How much is the dish - was kosten uns Lebensmittel wirklich" bis 2030 um über 30 Prozent gesenkt werden, um die Klimaziele einzuhalten. Lebensmittel, bei denen die Forscher im Vergleich aktuell noch eine zu große Differenz zwischen den ausgestoßenen Emissionen und dem Nutzen für die Lebensmittelversorgung sehen, werden deshalb im "True Cost"-System mit einer Art Steuer für ausgestoßene Schadstoffe versehen.

Fleisch schneidet am schlechtesten ab

Für seinen neuen "Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt" in Berlin hatte Penny nun die Augsburger Forscher beauftragt, für acht der Lebensmittel den "wahren Preis" zu ermitteln. Dieser ist jetzt als zweites Preisschild in dem Markt zu sehen. "Unsere Untersuchungen offenbaren eine teils enorme Differenz zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten", resümiert Gaugler. "Die höchsten externen Folgekosten und damit größten Fehlbepreisungen gehen mit der Produktion konventionell hergestellter Nahrungsmittel tierischen Ursprungs einher."

Nicht biologisch produzierte Fleisch- und Wurstwaren müssten demnach um 173 Prozent teurer werden wie bisher. Etwas besser schneidet Bio-Fleisch ab, allerdings bräuchte es laut den Forschern auch hier noch einen Aufschlag um 126 Prozent. Konventionell hergestellte Milchprodukte erhalten im System der Forscher den dritthöchsten Preisaufschlag um 122 Prozent, Bio-Milch müsste lediglich um 69 Prozent teurer werden. Bei anderen Milchprodukten wie Käse schwanken die Aufschläge je nach dem untersuchten Produkt, von 88 Prozent für konventionell produzierten Gouda bis 30 Prozent für Bio-Mozzarella.

Mit Abstand am besten schneidet Obst und Gemüse ab: Hier reichen die Aufschläge von acht bis 19 Prozent für konventionell produzierte Äpfel, Bananen, Kartoffeln oder Tomaten, und von vier bis neun Prozent für die jeweiligen Bio-Varianten der Produkte.

Bei den tierischen Produkten seien die hohen externen Kosten vor allem durch die energieintensive Aufzucht der Nutztiere bedingt. Futtermittelanbau, Beheizung und Belüftung der Ställe sowie der Stoffwechsel der Tiere führten zu Austragungen von reaktivem Stickstoff und von Treibhausgasen sowie Energiebedarfen, die beutend höher seien als bei pflanzlichen Produkten.

Gaugler: "Hier handelt es sich um eine Form von Marktversagen"

Vergleiche man wiederum konventionelle mit ökologischen Produktionspraktiken, so führen laut den Forschern vor allem der Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger sowie ein geringerer Einsatz von industriell produziertem Kraftfutter in allen untersuchten Lebensmittelkategorien zu geringeren Preisaufschlägen.

„Für viele negative Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen, die sich aus der Produktion von Lebensmitteln ergeben, kommen aktuell weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten auf", fasst Gaugler zusammen. Hier handelt es sich um eine Form von Marktversagen, der mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen begegnet werden müsste." Insbesondere Produkte aus der konventionellen Nutztierhaltung müssten laut der Studie deutlich mehr kosten.

Weitere Aspekte, wie etwa das Tierwohl oder die Folgen multiresistenter Keime, seien mangels Daten dabei noch gar nicht miteinbezogen worden, so Gaugler. Der Wissenschaftler freue sich aber, dass durch den Aktionsmarkt in Berlin das Thema nun nicht mehr nur in wissenschaftlichen Kreisen diskutiert werde, sondern auch in den Alltag der Menschen gelange. "Ich bin sehr gespannt, ob die doppelte Preisauszeichnung Lenkungswirkung hat", sagt Gaugler. Penny hat angekündigt, die Anzahl der Produkte mit der doppelten Preisauszeichnung erhöhen und das Projekt womöglich auch auf weitere Märkte ausweiten zu wollen, falls die Kunden positiv auf die Kennzeichnung reagieren.

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