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"Eine Notlage, die die gesamte Gesellschaft betrifft": Gesundheitsversorgung in Augsburg aufgrund der Pandemie nicht mehr sichergestellt

Laut Thomas Wibmer, Leiter des Augsburger Gesundheitsamts, sind vor allem die Ungeimpften für den sprunghaften Anstieg der Corona-Infektionen verantwortlich.

Die Stadt Augsburg befindet sich wieder in einer Corona-Notlage: Das hat der Krisenstab am Dienstag in einer Pressekonferenz deutlich gemacht. Oberbürgermeisterin Eva Weber, der stellvertretende Leiter des Gesundheitsamts Thomas Wibmer und Axel Heller, Ärztlicher Leiter der Krankenhauskoordinierung im Rettungszweckverband, haben dabei mit deutlichen Worten erneut zur Corona-Impfung aufgerufen. In der Augsburger Uniklinik seien inzwischen alle Intensiv-Kapazitäten ausgeschöpft.

Eigentlich sei es so, "dass die Pandemie vorbei sein könnte, wenn alle Erwachsenen eine ausreichende Immunität hätten", betonte Thomas Wibmer. "Stattdessen sind wir in einer Notlage, die die gesamte Gesellschaft betrifft." Denn inzwischen sei die gesundheitliche Versorgung in Augsburg nicht mehr sichergestellt. Der Grund ist für den stellvertretenden Leiter des Augsburger Gesundheitsamts klar: "Es liegt daran, dass viele Menschen nicht geimpft sind."

Seit 13. Oktober steigen die Inzidenzen für Augsburg laut Wibmer wieder kontinuierlich. Inzwischen befinde man sich sogar wieder in einer exponentiellen Wachstumskurve. Für die hohen Inzidenzwerte – die Augsburger Sieben-Tage-Inzidenz lag am Dienstag bei 319,8 – sind wohl größtenteils die ungeimpften Teile der Bevölkerung verantwortlich. Bayernweit liege die Inzidenz für Ungeimpfte aktuell bei 537, die der Geimpften lediglich bei 60, betonte Wibmer, und ergänzte: "Ähnlich dürfte das auch in Augsburg verteilt sein."

Intensivbetten zu 100 Prozent belegt

Die Situation, in der immer wieder Notlagen verhängt werden müssten, werde erst enden wenn "ein Großteil" der Menschen immun ist, entweder durch eine Impfung oder eine Infektion. Bereits jetzt sei die Zahl der Fälle, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, aufgrund der Impfung stark zurückgegangen. Statt zeitweise bis zu 16 Prozent landen aktuell noch rund vier Prozent im Krankenhaus und ein Prozent in der Intensivstation. Überstanden ist die Pandemie damit aber nicht, wie nun in Augsburg auch deutlich wird. "Auch vier Prozent ist immer noch ein Zeichen, dass wir so mit dem Virus eben nicht leben können", sagte Wibmer. Das zeige sich nun in fehlenden Behandlungskapazitäten.

Auch Axel Heller machte deutlich, vor welchen Problemen die Augsburg Uniklinik aktuell steht. Am Wochenende waren die Intensivbetten des Krankenhauses laut Heller zu 100 Prozent ausgelastet, inklusive der Notfallsreserve – die letzten Register seien "jetzt alle gezogen". Im gesamten Leitstellenbereich Augsburg, zu dem auch die umliegenden Landkreise Augsburg, Aichach-Friedberg und Dillingen und Donau-Ries zählen, waren die Intensivbetten am Montag zu 94,4 ausgelastet. Und auch die Umverlegung in andere bayerische Krankenhäuser klappe inzwischen nicht mehr so gut, wie das ursprünglich im Ampelsystem des Freistaats vorgesehen war. Im Allgemeinen habe man jetzt "ein echtes Problem mit der Krankenversorgung", betonte Heller.

80 Pflegekräfte haben aufgehört

Während die Krankenhauseinweisungen auf den Normalstationen in den vergangenen Tagen weiter exponentiell zugenommen hätten, sei auf den Intensivstationen bereits "alles ausgereizt, das wir ausreizen können". Operationen müssten aktuell häufig verschoben werden, weil alle Intensivbetten belegt sind, das Krankenhaus ist auf Fernverlegungen angewiesen. Währenddessen können die Krankenhäuser in der Region Zahlen wie in der dritten Welle nun nicht mehr stemmen. Denn im vergangenen halben Jahr haben sie 26 Intensiv-Betten verloren.

Statt 149 stehen nun nur noch 123 Betten zur Verfügung. Die fehlenden Betten stehen für rund 80 Pflegekräfte, "die frustriert, die überlastet, die ausgebrannt ihren Job an den Nagel gehängt haben", betonte Heller. "Das tut uns jetzt richtig weh, und das wird uns auch längerfristig noch weh tun." Wie auch Weber und Wibmer hob Heller die Corona-Impfung als einzigen Weg aus der Krise hervor. Er appellierte an ein "soziales Gewissen": Die Skandinavier stünden bei der Impfquote deshalb besser da, weil diese einen "Allgemeinsinn" entwickelt hätten, "der in Deutschland und Bayern fehlt", so Heller. "Jeder denkt an sich, und das kann es einfach nicht sein." Aktuell sind rund 65 Prozent der Augsburger beziehungsweise 75 Prozent der Augsburger, die älter sind als zwölf Jahre, mindestens einmal geimpft.

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