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Corona Augsburg Pandemie: Augsburg in der "Wiederholungsschleife"

"Die Zeiten haben sich verändert": Dr. Thomas Wibmer, stellvertretender Leiter des Augsburger Gesundheitsamtes, ist verwundert darüber, dass sich Patienten ihre Medikamente selbst raussuchen wollen.

Der städtische Krisenstab hat die aktuelle Corona-Lage im Zuge einer Pressekonferenz dargestellt und erneut für eine Impfung gegen das Coronavirus geworben. Oberbürgermeisterin Eva Weber verwies etwa auf Portugal, Spanien und Italien, die die Pandemie „im Griff“ hätten. Dort könnten die Leute „ein normales Leben leben“, in Augsburg jedoch sei es, „als befänden wir uns in einer Wiederholungsschleife“, so die Rathauschefin.

Von der nötigen Impfquote von 80 Prozent, ab der man von einer Herdenimmunität spricht, ist Augsburg noch weit entfernt. Bislang haben sich 68,5 Prozent der Stadtbevölkerung mindestens einmal impfen lassen, 66,8 Prozent sind doppelt und 6,5 Prozent dreifach geimpft.

Eine Art Entwarnung konnte Dr. Thomas Wibmer, stellvertretender Leiter des städtischen Gesundheitsamtes, geben. Augsburg habe demnach mit einem Inzidenzwert um 600 ein Plateau erreicht. Es sei laut Wibmer vorerst ausgeschlossen, „dass wir auf die 1000 zusteuern“.

Weiterhin angespannt ist die Situation an den Krankenhäusern. Wie Wibmer ausführte, gebe es pro Tag 250 neu gemeldete Fälle, wovon rein rechnerisch zehn stationär aufgenommen werden müssen. 2,5 Fälle wiederum kämen täglich neu auf die Intensivstationen. „Wohin mit diesen Patienten? Diese Frage stellt sich täglich“, so der stellvertretende Gesundheitsamtsleiter. Dazu komme, dass die Patienten nicht nur einen Tag auf den Intensivstationen liegen würden.

Die Oberbürgermeisterin verwies auf die Studie eines Statistikprofessors der LMU München, laut der ungeimpfte 18- bis 59-Jährige ein rund 1800 Prozent höheres Risiko hätten, auf die Intensivstationen zu kommen, als Geimpfte. Um die Impfquote in Augsburg in den kommenden Monaten weiter nach oben zu treiben, werden die Kapazitäten deutlich erhöht. Ab Dezember sollen täglich etwa 2500 Personen im Impfzentrum auf dem ehemaligen Fujitsu-Areal geimpft werden können.

Es fehlt an Personal, nicht an Impfstoff

„Die Restriktionen sind das Personal“, sagte Jan Quak, Geschäftsführer der Bäuerle Ambulanz, die das Impfzentrum Augsburg betreibt. Seiner Ansicht nach brauche man zusätzlich 100 Beschäftigte, um die 2500 Impfungen täglich schaffen zu können. Bis Jahresende soll das Impfzentrum auf dem Gelände umziehen. Infrastrukturell könne man laut Quak ab Ende Januar zwischen 3900 und 4700 Impfungen pro Tag durchführen. „Der Flaschenhals“ sei aber das Personal. Am Impfstoff scheitere es demnach nicht, auch wenn es „Irritationen durch die Aussagen von Herr Spahn“ gegeben habe.

Sollte Augsburg auf dem derzeit hohen Infektionsniveau bleiben, so dauere es nach Einschätzung von Thomas Wibmer bis Ende des Frühjahrs, bis es in Augsburg derart viele Infektionen bei Ungeimpften gegeben habe, dass eine gewisse Immunität erreicht sei.

Angesprochen auf Novavax, einen von vielen Bürgern ersehnten Totimpfstoff, zeigte sich Wibmer irritiert: „Für uns Ärzte ist es äußerst verwunderlich, dass man sich als Patient so viele intensive Gedanken macht, welches Medikament denn jetzt genau das richtige für einen ist. Im Grunde war das früher mal so, dass der Arzt das richtige Medikament rausgesucht hat und der Patient hat das dann genommen. Die Zeiten haben sich verändert.“ Wenn Patienten sich ihre Medikamente nun „selber raussuchen“, würde es das „etwas schwierig“ machen.

Novavax unterscheide sich auch von anderen bisherigen Totimpfstoffen. „Ich kann es nicht verstehen, wieso man jetzt anstelle der bekannten und sehr guten Impfstoffe, die millionenfach eingesetzt worden sind, darauf hofft, einen ganz neuen Impfstoff zu bekommen, den keiner kennt“, sagte der stellvertretende Leiter des Gesundheitsamtes. Im Hinblick auf die Inhaltsstoffe könne Wibmer den Vorteil für ängstlichere Menschen nicht erkennen. mRNA-Impfstoffe seien, so der Mediziner, die „am besten erforschten Impfstoffe, die es gibt. Warum sollte man da auf einen anderen setzen wollen?“

Patienten werden verlegt

Um die Situation im Leitstellenbereich Augsburg, in dem die Intensivbettenbelegung 99,2 Prozent beträgt, zu entschärfen, beteiligt sich Bayern an dem sogenannten Kleeblatt-Verfahren. Dieses regelt die Verlegung von Patienten aus stark von Corona betroffenen Regionen in andere Teile Deutschlands.

Wie Professor Axel Heller, Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung im Rettungszweckverband, erklärte, könnten ab Freitag oder Samstag sechs Patienten aus dem Zweckverband verlegt werden. „Ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Heller. Patientenverlegungen ins Ausland sind nicht geplant.

Derzeit sei man nach Ansicht des Mediziners noch nicht an dem Punkt angelangt, „wo wir diese Triage ansetzen müssen.“ Doch: „Irgendwann ist auch die letzte Ressource erschöpft“, gab Heller zu bedenken.

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