Region: Augsburg Stadt

Stolperstein für ein "sozialrassistisches" Opfer des NS-Terrorregimes, Johannes Grundler

Als StaZ-Reporter berichten Vereine, Organisationen und Privatpersonen. Jeder kann mitmachen.

Stolperstein Johannes Grundler

Johann Grundler, geb.6. August 1905, röm. kath., ledig, ermordet im KZ Dachau am 17.6.1942 aus „sozialrassistischen“ Gründen, wohnhaft in Augsburg, Weiherweg 17

Johann Grundler ist am 6. August 1905 in Augsburg geboren und wohnt bis zur Verhaftung bei seinen Eltern Johann (geb. 1881-1951) und Creszentia Grundler, geb. Hiermayer (1881-1950) in der Weiherstraße 17 in Augsburg-Oberhausen. Seine Schwester Maria ist 15 Monate jünger.

Johann absolviert die Volksschule und arbeitet in Augsburg als Hilfsarbeiter in der Textilindustrie. Sein Lebenswandel ist tadellos, es gibt keinerlei strafrechtliche Vergehen, derer er sich schuldig gemacht hätte.

Aber das NS-System hat konkrete Vorstellungen zu den Verhaltensweisen seiner Bürger.

Johann wird am 29. Januar 1937 von der Polizeidirektion Augsburg verhaftet und am 19. Februar „an das Arbeitslager Dachau abgeliefert“. Auf dem „Verzeichnis von Schutzhaftgefangenen, welche aufgrund des Arbeitszwangsgesetzes § 20 RFV in das Konz. Lager Dachau eingewiesen wurden“ geht hervor, dass eine 12 Monate dauernde Haft im KZ Dachau zu verbüßen hat. Er wird unter der Häftlingsnummer 29711 geführt.

Wohlfahrtshilfeempfänger, die als „asozial“ und „arbeitsscheu“ gelten, können ab Oktober 1934 nach § 20 der Reichsfürsorgepflichtverordnung (RFV) „fürsorglich“ ins KZ eingewiesen werden. Gegen Personen, die aus dem einen oder anderen Grund keiner dauerhaften Beschäftigung nachgehen und auf Fürsorgeunterstützung angewiesen sind, konzipierte das Bayerische Innenministerium den Vollzug des fürsorgerechtlichen Arbeitszwangs im KZ Dachau bewusst als „neues, wirksames Zuchtmittel gegen asoziale Personen“.

Wir müssen demzufolge annehmen, dass Johann Grundler „präventiv“ ins KZ Dachau eingewiesen worden ist, und zwar wegen einer Banalität, für die er nicht einmal gerichtlich belangt worden ist.

Johann gilt als Häftling der Kategorie AZR, „Arbeitszwang Reich“, unter welcher hauptsächlich Wanderarbeiter, Obdachlose, Bettler, Landstreicher, Alkoholiker, Kleinkriminelle und sogar Personen fallen, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand sind. Auch bei ungenügender Arbeitsleistung und häufigen Fehlzeiten am Arbeitsplatz kann man nach Dachau eingeliefert werden, da beides während des Krieges als „asozial“ gilt. Diese Personengruppe soll im KZ „umerzogen“ werden.

Unter der Kategorie AZR werden alle Personen registriert, die als „gemeinschaftsfremd“ die Erwartungshaltung der Volksgemeinschaft nicht erfüllen können und „abweichendes Verhalten“ zeigen.

Die genauen Hintergründe für Johanns Verhaftung kennen wir nicht. Was hat er sich in den Augen des Terrorregimes zuschulden kommen lassen? Genau ein Jahr später, am 22. Februar 1938 kommt er wieder frei und zieht wieder zu seiner Mutter in der Weiherstraße 17.

Anfang August 1941 wird er zum militärischen Landesschutz, Ersatzbataillon 7 in Berchtesgaden einberufen, kehrt aber von dort bereits nach einer knappen Woche am 12. August wieder nach Augsburg zurück. Wir müssen annehmen, dass er wegen seines KZ-Aufenthalts als „nicht wehrwürdig“ eingestuft wird.

Am 12. April 1942 wird Johann Grundler ein zweites Mal ins KZ Dachau eingewiesen. Es ist wahrscheinlich, dass Johann nunmehr im Rahmen des „Vorbeugungshaftverfahren“ in Dachau eingewiesen wird. Knapp zwei Monate später stirbt er dort.

Johann ist bei seinem Tod 36 Jahre und 10 Monate alt. Der Leichenschauschein konstatiert als Krankheit „Darmkatarrh und Ödeme“, als Todesursache hält Dr. Jäger, SS-Hauptscharführer der Reserve und Stabsarzt „Versagen von Herz und Kreislauf“ fest. Als Todesdatum wird der 17. Juni 1942 angegeben.

Die Ödeme weisen darauf hin, dass er von den SS-Schergen geschlagen wurde.  Es gibt viele Indizien für den brutalen Umgang der SS-Schergen mit Häftlingen in Dachau. Die Tagebücher von Edgar Kupfer-Koberwitz liefern hierfür zahlreiche Belege.

In einem Schreiben an die Lagerkommandantur vom gleichen Tag spricht der Lagerarzt davon, dass Grundler „am 16.6.42 wegen Darmkatarrh und Ödemen in den Häftlingskrankenbau aufgenommen“ worden sei. Beide Beine seien „ödematös geschwollen“. Bei heftigem Durchfall habe sich der Zustand des Patienten rasch verschlechtert. In den Vormittagsstunden des 17. Juni sei er bewusstlos geworden und um 11.15 Uhr verstorben.

Seine Leiche wird umgehend eingeäschert und auf Wunsch der Angehörigen in der Familiengrabstätte im Nordfriedhof Feld 30, Reihe 7, Grab Nr. 67 beigesetzt.

Die wahren Gründe seines KZ-Aufenthalts bleiben ungeklärt, die Todesursachen sind frei erfunden.

Wir möchten an diesen unschuldigen Mann mit einer Biografie und einem Stolperstein erinnern.

Biografie verfasst von Dr. Bernhard Lehmann, 86368 Gersthofen, Haydnstraße 53, Tel. 0821/497856 bernhard.lehmann@gmx.de

 

Quellen und Literatur:
 

ITS Bad Arolsen, Johann Grundler 29711 AZR;

Stadtarchiv Augsburg, MK 2, Grundler, Johann

Ayaß, Wolfgang, "Asoziale" – die verachteten Verfolgten, in: DH 14 (1998), S. 50-66

Wolfgang Ayaß, „Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin“. Die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 1938; aus: Beiträge zur Nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd6, Berlin 1988, S. 43-74

Julia Hörath, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938; Göttingen 2017

Edgar Kupfer-Koberwitz, Dachauer Tagebücher. Die Aufzeichnungen des Häftlings 24814; München 1997

Wohnsitz in Augsburg:

Weiherstraße 17

Weitere Bilder

Mehr zum Thema

Kommentare

Anmelden um Kommentare zu schreiben
 


X