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Das "zweite Leben" nach Corona: Wie ein Augsburger Covid-19 überstand

Roland und Gabriele Schmieder sind in diesem Jahr besonders froh, Weihnachten gemeinsam feiern zu können.

Der Augsburger Roland Schmieder hat eine schwere Covid-19-Erkrankung überstanden.

Fast kommen Roland Schmieder die Tränen, als er von den Pflegern und Krankenschwestern im Krankenhaus erzählt. Unbedingt wollte er mit der Zeitung über seine Covid-19-Erkrankung sprechen, um sich öffentlich bei denen zu bedanken, die sich in der Intensivstation um ihn gekümmert haben. Drei Wochen lang lag der 63-Jährige im Oktober und November in der Abteilung 1.1 der Augsburger Uniklinik. Sechs Tage davon verbrachte er im künstlichen Koma, den Rest in der Isolation. Zeitweise prognostizierte man dem Augsburger Bauleiter eine Überlebenswahrscheinlichkeit von nur 40 Prozent. Inzwischen ist Roland Schmieder wieder zuhause und freut sich auf ein Weihnachten im Familienkreis. Der Christbaum steht bereits in der Wohnung im Herrenbach, den Fenstersims schmücken Sterne und Rentiere. Es sei auf jeden Fall ein besonderes Weihnachten, erzählt Roland Schmieder. "Eigentlich feiere ich mein zweites Leben."

Denn es hätte durchaus sein können, dass der Augsburger dieses Fest nicht mehr erlebt. Am 24. Oktober, rund eine Woche, nachdem der Bauleiter positiv auf das Coronavirus getestet wurde, habe seine Frau entschieden, einen Notarzt zu rufen und ihren Mann ins Uniklinikum fahren zu lassen. Da hatte der 63-Jährige schon schwere körperliche Symptome und litt unter Atemnot. Trotzdem wollte er eigentlich noch zuhause bleiben, sich am Nachmittag ein Bundesliga-Spiel ansehen. "Ich wäre definitiv zuhause gestorben", sagt Schmieder nun. "Wenn ich noch einen halben Tag zuhause gewartet hätte, wär's wahrscheinlich zu spät gewesen." Die konsequente Entscheidung seiner Frau habe ihm wohl das Leben gerettet. Im Krankenhaus versuchten die Ärzte zunächst, ihn mit einer Maske zu beatmen; als das nicht funktionierte, wurde er sofort intubiert.

Schön sei der Aufenthalt in der Intensivstation nicht gewesen. Das Isolationszimmer sei rund drei auf sechs Meter groß, gefüllt nur mit einem Bett und medizinischen Apparaturen. Längere Ruhezeiten gäbe es nicht, denn alle vier Stunden muss Blut abgenommen werden, auch in der Nacht, "und dann ist man natürlich wieder hellwach", erzählt Roland Schmieder. Seine Familie durfte ihn in dem Zimmer nicht besuchen. Einmal hätten die Schwestern ihm aber geholfen, sein Bett an das Fenster des Zimmers zu schieben, damit er seine Frau, seine beiden Söhne und die Schwiegertöchter auf dem darunter liegenden Parkplatz sehen konnte.

Pfleger sind "die wahren Engel"

Die Pfleger betraten den Raum nur in kompletter Schutzausrüstung. "Die sind total vermummt, sie sehen aus wie Marsmenschen", sagt der 63-Jährige. Er habe nie ein Gesicht gesehen, konnte nur erahnen, wer hinter den Masken, Brillen und Anzügen steckte. "Aber das Ärzte- und Pflegeteam war einfach gigantisch", betont er. "Egal wer kam, sie waren alle herzlich und einfühlsam." Obwohl die Pfleger im Stress gewesen seien, hätten sie ihm immer auch mal die Hand gedrückt oder kurz mit ihm geredet. "Die wahren Engel sind diese Leute, die wirklich für andere da sind und ihr Leben aufs Spiel setzen, nur damit andere leben dürfen", sagt Roland Schmieder, mit Tränen in den Augen. "Diese Menschen sind eigentlich mehr wert als alles auf der Welt."

Und eine weitere Nachricht ist Roland Schmieder wichtig: "Man sollte sich wirklich nicht von irgendetwas blenden lassen, das ist ein tödliches Virus", erklärt er. Zwar gehörte der 63-Jährige mit Diabetes, Bluthochdruck und Vorhofflimmern durchaus zur Risikogruppe, doch letztendlich könnten fast jeden die schweren Symptome treffen, glaubt er. "Ich kann nur jedem raten: Vorsicht in jeder Beziehung." Wenn ihn heute ein Corona-Leugner auf der Straße anspreche, würde er diesem in drei Minuten erzählen, was passiert, "wenn's ihn erwischt", sagt Schmieder: "Dass er durch die Hölle muss."

Nur noch 40 Prozent Lungenfunktion

Nach der Woche im Koma, in der er schlimme Träume gehabt hätte, sei er zunächst sehr verwirrt gewesen, heute könne er sich wohl nicht mehr an alles aus dieser Zeit erinnern. In der dritten Woche sei er dann im Kopf wieder klar gewesen und hätte gemerkt, wie sehr er körperlich abgebaut hatte. Früher sei er muskulös gewesen, ging ins Fitnessstudio, spielte Tennis, Golf und Fußball. Nun hatte er 20 Kilogramm abgenommen und konnte nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen. "Das hat mich sehr schockiert, als ich mich zum ersten Mal mit freiem Oberkörper gesehen habe", erzählt der 63-Jährige. Auch psychisch habe ihn die Veränderung mitgenommen, sagt er, und er wolle daran arbeiten, wieder so zu werden, wie früher. Doch nicht nur seine Muskeln hatten abgebaut. Auch die Lungenfunktion lag bei nur noch 40 Prozent. Mit dem Physiotherapeut trainierte Roland Schmieder für die "Tour de Bett". "Als ich das einmal geschafft habe, um ein Dreiviertel des Bettes zu laufen, das war wie so eine Tour de France", erklärt er. "Aber das war total anstrengend, ich war hinterher fix und fertig."

Nach drei Wochen konnte der 63-Jährige die Intensivstation wieder verlassen, nach zwei weiteren Wochen im Krankenhaus durfte er schließlich am 27. November wieder nach Hause. Das sei "wie ein Paradies", erzählt der Augsburger. Seine Frau kümmere sich um alles, auch die zwei erwachsenen Söhne kämen regelmäßig zum helfen vorbei. Denn vieles könne er immer noch nicht selbst machen, den Christbaum aufstellen, zum Beispiel. Das "schöne an der unschönen Sache", sei gewesen, wie eng die Familie zusammengerückt sei und wie viel Zuspruch er erhalten habe. Sein Sohn habe ihm ein Poster gemacht, mit Fotos und guten Wünschen der Freunde und Verwandten. "Wenn du so viel Zuspruch hast, bist du irgendwie auch motiviert, dass du wieder gesund und wieder der Alte wirst", sagt Roland Schmieder.

Ein "ganz besonderes Weihnachten"

Inzwischen gehe es ihm schon viel besser. "Ich habe keine Schmerzen, und viele Termine bei Doktoren", erzählt er. Doch weiterhin hat er mit der Atemnot zu kämpfen. Zuhause hat er ein Sauerstoffgerät, das er öfter nutze, "um einfach die Sauerstoffzufuhr im Blut zu verbessern". Nach Weihnachten ist er bis Anfang Februar auf Reha in einer Lungenfachklinik in Pfronten, die auf Covid-19-Patienten spezialisiert ist. "Da hoffe ich, dass ich mein Lungenvolumen wieder auf einen Normalstand bringe". Und danach müsse er schauen, wie es weitergeht, ob er dann bereits wieder arbeiten könne.

Zunächst stehe aber "ein ganz besonderes Weihnachten" an. "Es wird zwar so wie immer sein, meine Söhne kommen am Abend zum Essen", erzählt er. "Aber irgendwie ist es für mich innerlich der Anfang eines zweiten Lebens." Er habe bereits beschlossen, dieses ein bisschen zu verändern. Eigentlich sei er ein Mensch, der nicht Nein sagen kann. Der 63-Jährige besetzte gleich mehrere Ehrenämter; einige davon habe er nun bereits abgelegt. Wenn er im nächsten Jahr in Rente gehe, wolle er sich seine Zeit endlich selbst einteilen. "Ich möchte mich jetzt wirklich auf mich und meine Gesundheit konzentrieren", sagt er.

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