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Bahntrasse Augsburg – Ulm: Auf der Suche nach dem Königsweg

Wo sollen die ICEs künftig zwischen Ulm und Augsburg fahren? Die Planungen der Bahn laufen weiter und die Region fordert einen Mehrwert für die vom Ausbau betroffenen Kommunen.

Während die Pendler aus dem Landkreis Augsburg noch die angekündigten Einschränkungen zum Fahrplanwechsel im Dezember verdauen müssen, köchelt im Hintergrund bereits der nächste Topf voller Ärger vor sich hin: Die Entscheidung über die künftige Bahntrasse, auf der Schnell- und Güterzüge zwischen Augsburg und Ulm verkehren sollen, rückt immer näher und der Widerstand in der Region lässt nicht nach. Auf einer Informationsveranstaltung der SPD Neusäß kritisierten Landtagsabgeordneter Harald Güller und Verkehrsexperte Herbert König: Die Bahn plane "mit überholten und falschen Vorgaben weiter – und das scheint sie nicht mal zu kümmern".

Ganz unbekümmert erscheinen die Planer der Bahn allerdings nicht zu sein. In der mittlerweile siebten Sitzung des "Dialogforum Ulm–Augsburg" am Dienstag stellte Stephan Tischler von der Universität Innsbruck die Methodik des anstehenden Trassenauswahlverfahrens vor. Dabei berichtete Chefplaner Markus Baumann auch vom aktuellen Planungsstand. So seien inzwischen insgesamt zehn Planungsvarianten – verteilt auf die vier Grobtrassierungen – in Prüfung. Gefeilt wird noch an den Details, wie mögliche Anpassungen im Bereich des Dinkelscherbener Moors bei der sogenannten Variante Blau-Grün, die einen Ausbau der Bestandsstrecke vorsieht.

Stephan Tischler erklärte dazu, wie der Weg der Trassenfindung von der Definition des Auswahlverfahrens über die fachliche Beurteilung bis zur Trassenempfehlung ablaufen soll. Eine wesentliche Rolle spiele dabei der Kriterienkatalog, der für die Beurteilung der verschiedenen Trassenvarianten herangezogen wird. Der Kriterienkatalog wird im kommenden Jahr auch im Dialogforum ein zentrales Thema sein und gemeinsam abgestimmt werden. Eine Trassenempfehlung soll laut Tischler voraussichtlich im Sommer 2024 vorliegen.

Doch geht es nach Abgeordnetem Harald Güller und dem Verkehrsexperten Herbert König, dann könne die Bahn mit den laufenden Planungen zu keiner vernünftigen Empfehlung kommen. Denn: „Für mich ist keine der derzeitig vorgestellten Trassenvarianten in dieser Form eine Option, die umgesetzt werden sollte und kann“, sagte Güller zu den Besuchern der Informationsveranstaltung in Neusäß, die Ende Oktober stattfand. König ist der ehemalige Geschäftsführer des Augsburger Verkehrsverbundes (AVV) und der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Er ergänzt die Feststellung Güllers: „Die Zahlen des Deutschlandtakts liegen jetzt vor und sie zeigen: Die Zugzahlen im Fern- und Güterverkehr sind geringer als ursprünglich geplant." Der viergleisige Komplettausbau sei daher unnötig und die 26-Minuten-Vorgabe mit "energiepolitisch fragwürdigen 300 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit führt nicht zu integralen Taktknoten in Augsburg und Ulm mit guten Anschlüssen". Dies müsse korrigiert werden. So würden auch wieder "andere, deutlich verträglichere Ausbauvarianten möglich“, stellte König fest.

Einig waren sich Güller und König, dass der Deutschlandtakt nicht in Frage gestellt werden dürfe, aber die Planungen müssten erst "auf die richtigen Beine" gestellt werden. Kritik übten die beiden vor allem an den Eckpunkten, die den Rahmen der Planungen vorgeben: die Fahrzeitvorgabe von 26 Minuten zwischen Augsburg-Ulm, die einzuhaltende durchgängige Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometer sowie die durchgängige Viergleisigkeit. „Diese Vorgaben sind nicht Ergebnis des Deutschlandtaktes, sondern waren die Vorgaben des Bundesministeriums für Verkehr für die Gutachter des Deutschlandtaktes", so König. Anhand des entstandenen Fahrplanentwurfs müsse man jetzt prüfen, ob die Vorgaben so richtig und notwendig waren – oder ob sie korrekturbedürftig seien. Königs Kritik: "Genau das ist bis zum heutigen Tag aber nicht passiert." Für Güller bedeutet das: „Folglich plant DB-Netze munter mit überholten und falschen Vorgaben weiter – und das scheint sie nicht mal zu kümmern."

Doch in der Pflicht sieht Güller vor allem das Bundesverkehrsministerium und die Bundespolitik. Forderungen direkt an die DB-Netze zu stellen und mit den Projektverantwortlichen vor Ort in Dialogprozesse zu gehen, sei "zwar nett und bestimmt auch interessant, aber für das Hauptproblem, die festgeschriebenen Vorgaben so abzuändern, dass eine brauchbare Planung erreicht werden kann, nicht zielführend". Bei gleichbleibenden Prämissen bleibe es bei schlechten Ergebnissen und sei somit letztendlich sinnlos, führt Güller aus, denn: "Die DB-Netze sind nur die ausführende Kraft, Auftraggeber und somit Entscheider ist die Bundespolitik – in erster Linie das Bundesverkehrsministerium und dann schlussendlich der Bundestag."

Und so appelliert er: "Wir dürfen uns in der Region, trotz unterschiedlicher Sichtweisen auf die Varianten, nicht auseinanderdividieren lassen." Es gelte jetzt, sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass alle Varianten überplant werden, um dann wirklich die beste Lösung zu finden.

Diese Lösung müsse auch Verbesserungen der Situation für die Anlieger der Bestandstrasse mit sich bringen. Eine neue Trasse müsse auf jeden Fall mehr und einen gut vertakteten Nahverkehr mit zusätzlichem Lärmschutz und barrierefreien Bahnhöfen umfassen. "Ohne diese Punkte wird es keine Akzeptanz, für welche Variante auch immer, in der Region geben können“, so Güller.

In diesem Punkt ist sich die Region auf jeden Fall einig: Mitglieder des Dialogforums, das sich aus einem breiten Kreis der am Projekt beteiligten Organisationen und Institutionen wie etwa den Städten, Kommunen, Landkreisen, Fahrgast-, Verkehrs-, Planungs-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsverbänden sowie Umwelt- und Naturschutzverbänden und der Deutschen Bahn zusammensetzt, nutzten die Gelegenheit am Dienstag, um ihrer zentralen Forderung Nachdruck zu verleihen: Mehrwert für die Region. Immerhin nahm das Projektteam der Bahn die Hinweise auf und gab Auskunft hinsichtlich der Ansprechpartner.

Die nächste Sitzung des Dialogforums ist für Ende Januar 2023 geplant. Das Thema soll dann bereits das Raumordnungsverfahren sein, mit dem die Regierung von Schwaben im kommenden Jahr starten soll.

Alle Informationen zum Projekt gibt es im Internet unter: www.ulm-augsburg.de.

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