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"Wo bleibt die Würde?": Augsburger Unternehmer fordern eine Öffnungsstrategie

Die Kosmetikerinnen Doris Boden (links) und Sarah Nikolai verstehen nicht, warum Friseure als einziges Gewerbe im März wieder öffnen dürfen.

Mitglieder des in der Corona-Pandemie gegründeten Augsburger Unternehmerkreises "Zukunft in Not" haben am Montag mit einer Aktion auf dem Rathausplatz auf ihre Schwierigkeiten im Lockdown aufmerksam gemacht. Vor Ort waren unter anderem Vertreter der Kosmetik-, Musik- und Fitness-Branche sowie des Handels.

Was die Anwesenden vereint, ist ihre Kritik an den Maßnahmen der Politik. Viele der Selbstständigen fühlen sich noch immer im Stich gelassen, so etwa Doris Boden und Sarah Nikolai, die beide ein Kosmetikstudio betreiben. Sie ärgern sich darüber, dass Friseure wohl bereits ab März wieder öffnen dürfen. Nicht, weil man das den Friseuren nicht gönne, betont Boden, denn das rette Existenzen. "Aber ich würde mir wünschen, dass die Politik mal mit weniger Willkür entscheidet." Besonders verärgert die beiden Kosmetikerinnen die Begründung von Ministerpräsident Markus Söder, die frühere Öffnung der Friseure habe mit Hygiene und Würde zu tun. "Wo bleibt die Würde von all denen, die kein Geld mehr haben und ihre Altersvorsorge aufbrauchen müssen", fragt Doris Boden. Und auch ihr Studio sei für viele Menschen sehr wichtig, erzählt Sarah Nikolai. Sie helfe etwa auch Menschen mit schwerer Akne, die nun unter Schmerzen und der psychischen Belastung litten.

Ratlos sind auch Kerstin Koch, die das Sport-Studio "Feel it" betreibt, und Sonja Grothe, die als Trainerin arbeiten. Seit November sei das Studio komplett geschlossen und es gebe keine Einnahmen mehr. Die staatlichen Hilfen seien teilweise angekommen, erzählt Koch. Ihr Einkommen sei aber dennoch "gut gemindert". Noch härter trifft es Grothe, die keine Hilfen beantragen konnte. Zum Glück sei sie nur nebenberuflich Trainerin, doch "nach dem ersten Lockdown mussten wir finanziell ganz schön umdenken", sagt sie. Dabei habe ihre Familie noch ein Haus abzubezahlen.demo1.jpg

Die beiden freiberuflichen Sängerinnen Julia Tiecher und Daniela Engelhardt haben sich stumm vor ihren Mikrofonen am Rathausplatz aufgestellt. "Das Berufsverbot betrifft uns natürlich stark", sagt Tiecher. Von der Politik wünsche sie sich, "dass man die Hygienekonzepte, die es gibt, auch durchführen darf". Als Sängerin habe sie seit März kaum mehr Einnahmen, da bereits im Sommer die meisten Veranstaltungen abgesagt worden seien. Die Hilfsgelder, die sie bisher erhalten habe, seien "ein Bruchteil von dem, was man sonst verdient". Zwar verdiene ihr Mann glücklicherweise noch normal, doch sie wisse von vielen Kollegen, die inzwischen auf Hartz-IV oder Soforthilfen angewiesen seien. "Es muss sich auf jeden Fall was verändern, sonst geht es bald vielen Menschen sehr, sehr schlecht", sagt sie.

Mit der Aktion am Rathausplatz wolle man die Probleme der Augsburger Unternehmer vor allem "sichtbar machen und Gesicht zeigen", sagt Robert Höck, einer der Sprecher des Unternehmerkreises. Er selbst sei mit seinem Metallbaubetrieb bislang noch kaum betroffen, erzählt der Kreishandwerksmeister. Doch den meisten Gewerben gehe es nicht so gut. "Wir brauchen eine Öffnungsstrategie", fasst Höck die Forderungen der Unternehmer zusammen. Mit der Querdenker-Bewegung habe der Protest nichts zu tun. "Das sind alles ganz normale Unternehmen", betont Höck. Doch auch zu viel Angst vor dem Virus sei seiner Meinung nach schlecht – und könne bald Existenzen zerstören.

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