Region: Augsburg Stadt

Evaluation der AVV-Reform: Kreisausschuss in großen Teilen unzufrieden

Die AVV-Tarifreform war seit ihrer Umsetzung 2018 bei vielen Fahrgästen umstritten. Nun, drei Jahre später, wurde eine Bilanz gezogen.

"Nahezu komplett erfolgreich" war die AVV-Tarifreform der Evaluation zufolge. Im Kreisausschuss sahen das viele Mitglieder anders und fordern eine Überarbeitung des Tarifsystems.

Eigentlich sollten die Stadt- und Kreisräte aus Augsburg und den umliegenden Landkreisen am Donnerstag nur die Evaluation der AVV-Tarifreform zur Kenntnis nehmen. Stattdessen entbrannte eine rund zweistündige Diskussion. Forderungen nach einer Überarbeitung der Reform, die auch bei vielen Fahrgästen nach wie vor umstritten ist, wurden laut.

"Nahezu komplett erfolgreich", das ist das Urteil, zu dem das Unternehmen Civity in seiner Evaluation der Tarifreform kam. Das Beratungsunternehmen untersuchte die Jahre 2018 und 2019 und kam nun zu dem Schluss, dass die Ziele, die man sich damals gesetzt hatte, "erfüllt, zum Teil sogar übererfüllt" wurden, wie Berater Jan Heistermann sagte. Untersucht wurden insgesamt zwölf Punkte, darunter besonders die Steigerung der Einnahmen, die Erhöhung der Fahrgast- und besonders Abozahlen, aber auch die Verringerung von Ungerechtigkeiten und die Preiswahrnehmung. In der Kreisausschusssitzung zu der Stadt- und Kreisräte aus der Stadt Augsburg sowie den Landkreisen Augsburg, Dillingen und Aichach-Friedberg zusammenkamen, sprachen nur die wenigsten von einem Erfolg. Stattdessen wurden vor allem Forderungen laut, das Tarifsystem weiter zu entwickeln.

Es sei "wunderbar", dass die Einnahmen gestiegen seien, sagte der Augsburger CSU-Stadtrat Matthias Fink. Doch die Ausgestaltung der Senioren-Tickets, die Folgen der Zusammenlegung der Zonen 10 und 20 für Gelegenheitsfahrer und die Auswirkungen der Corona-Pandemie seien Punkte, denen man sich nun stellen müsse. "Dafür wird Geld gebraucht. Und das muss vom Freistaat kommen", forderte er und kündigte einen entsprechenden Antrag von CSU und Grünen in Augsburg an.

Abos auf dem Land: "Da kann man nicht von einem Erfolg sprechen"

Obwohl der Augsburger Landrat Martin Sailer bereits nach diesem ersten Wortbeitrag darauf hinwies, dass es in der Sitzung lediglich um die Kenntnisnahme der Evaluation gehe, nicht aber um künftige Ziele oder die Folgen von Corona auf den Nahverkehr, ließen es sich auch die anderen Stadt- und Kreisräte nicht nehmen, ihrer Meinung zur Reform Ausdruck zu verleihen.

"Die Landkreise sind nicht unbedingt die Gewinner der Reform", sagte etwa Grünen-Kreisrätin Silvia Daßler aus dem Augsburger Landkreis. "Während die Zahl der Abos in der Stadt um zwei Prozent gestiegen ist, waren es auf dem Land nur 0,4 Prozent. Da kann man nicht von einem Erfolg sprechen." Sie kündigte an, dass ihre Fraktion im Anschluss an die Sitzung Verbesserungsvorschläge ausformulieren wolle. Auch rund um die Frage, wie es nun nach Corona weitergehen soll. Das Coronajahr 2020 war von der Evaluation ausgenommen.

Speckgürtel: Preissteigerungen von 20 Prozent

Auch ÖDP-Kreisrätin Gabriele Olbrich-Krakowitzer (Landkreis Augsburg) sieht die Landkreise als Verlierer der Reform. Die höheren Einnahmen kämen wohl hauptsächlich aus dem Speckgürtel um Augsburg herum, also den Zonen 3 und 4, wo die Leute Preissteigerungen von 20 Prozent hätten hinnehmen müssen. "Ob das besonders attraktiv ist, darüber kann man streiten", so Olbrich-Krakowitzer. In Zeiten des Klimawandels müsse man Nutzer für den ÖPNV begeistern, "nicht nur nach Abo-Kunden schielen", forderte sie.

Der SPD-Kreisrat Harald Güller (Landkreis Augsburg) sieht es nach der Evaluation ebenfalls als notwendig an, neue Ziele für den AVV zu setzen. Man müsse sich besonders fragen, warum es mit der Reform nicht gelungen sei, deutlich mehr Menschen zu erreichen, die den öffentlichen Nahverkehr bislang noch nicht nutzen.

AVV-Reform: Gelegenheitsnutzer künftig miteinbeziehen

In dieselbe Kerbe schlug der Augsburger Stadtrat Matthias Lorentzen (Grüne): "Wenn sich Gelegenheitsnutzer auch drei Jahre nach der Reform noch als Verlierer sehen, wäre es vielleicht gut, die künftig auch miteinzubeziehen." Zudem müssten die Tickets flexibler werden, parallel zur Arbeitswelt. "Manche nutzen den ÖPNV nur im Winter, manche nur dreimal die Woche, manche müssen zu verschiedenen Arbeitsplätzen." Diese Flexibilität fehle dem Tarifsystem bislang.

CSU-Kreisrat Peter Tomaschko (Landkreis Aichach-Friedberg) wies allerdings daraufhin, dass bei aller Kritik, nicht klar sei, "ob die Ziele heute nicht wieder dieselben wären wie vor drei Jahren. Denn es muss auch jemanden geben, der all das bezahlt." Ähnlich sieht das Heinz Liebert (CSU) aus dem Augsburger Landkreis. "Wir sind hier nicht auf einer Spielwiese, wo sich jeder alles wünschen kann. Wir haben die Einnahmeziele erreicht. Wir müssen die Einnahmen aber weiter steigern, um auch die Ziele für fünf Jahre zu erreichen."

Durch die Evaluation wisse man nun, wie sich der AVV auf Basis der früheren Ziele entwickelt habe, schloss Landrat Martin Sailer schließlich die Diskussion. Die Bewertung habe sich verändert und so soll es in einer künftigen Sitzung um die Frage gehen, wie der ÖPNV der Zukunft aussehen soll.

Ausschuss stimmt für Einführung des 365-Euro-Tickets für Jugendliche

Im Anschluss an die Debatte zur Tarifreform stimmte der Kreisausschuss einstimmig für die Einführung des 365-Euro-Tickets für Jugendliche und Auszubildende. Es soll zum 1. August eingeführt werden und auch in den Ferien gelten. Von den Mindereinnahmen in Höhe von 11,7 Millionen Euro, die durch das Ticket entstehen, übernimmt zwei Drittel der Freistaat.

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