Region: Augsburg Stadt

Gerät Prostitution immer mehr ins Dunkelfeld? Augsburg will Entwicklung entgegenwirken

Bordelle waren während der Pandemie geschlossen. Das könnte nun längerfristig Folgen haben.

In der Corona-Pandemie wurden auch Bordelle geschlossen. Laut Experten hat dieser Schritt nun weiterhin zahlreiche Auswirkungen auf das Milieu und die betroffenen Frauen, unter anderem eine zunehmende Verlagerung der Prostitution in ein unkontrolliertes Dunkelfeld. Dieser Entwicklung will die Stadt Augsburg laut einem nun im Allgemeinen Ausschuss getroffenen Beschluss entgegen wirken.

Geschlossen stimmte der Ausschuss am Mittwoch dafür, dass die Milieusozialarbeit wieder reaktiviert wird. Außerdem soll zunächst eine Bestandsaufnahme erfolgen, wie sich die Prostitution in der Stadt während der Pandemie tatsächlich entwickelt hat. Gemeinsam mit Akteuren, die sich bereits länger mit der Prostitution befassen, sollen dann "abgestimmte Maßnahmen" erarbeitet und umgesetzt werden.

Einer von zwei Akteuren, die sich in Augsburg hauptsächlich mit dem Thema befassen und Prostituierten Unterstützung anbieten, ist der Verein Solwodi (Solidarity With Women In Distress). Dieser arbeitete während der Pandemie zwar weiter, die aufsuchenden Angebote, bei denen Sozialarbeiter von Solwodi und Mitarbeiter des städtischen Gesundheitsamts die Prostituierten direkt in den Bordellen kontaktieren, fielen aufgrund der Schließungen allerdings weg. Seit dem Sommer sind bereits "Prostitutionsstätten", in denen sich nur wenige Personen gleichzeitig aufhalten, wieder zugelassen. Im Zuge der Lockerungen Anfang Oktober dürfen nun auch Bordelle, unter denselben Bedingungen wie Clubs, wieder öffnen.

Die lange Schließung hatte laut dem Ordnungsreferat aber bislang "vielfältige gesellschaftliche Auswirkungen". Ab dem 16. April 2020 war die Prostitution in Bayern eigentlich über ein Jahr lang unmöglich. Für die betroffenen Frauen bedeutete das oft den Verlust ihrer gesamten Existenzgrundlage. Gleichzeitig konnten etwa Frauen aus Osteuropa lange nicht ausreisen, was für sie möglicherweise zu neuen finanziellen Abhängigkeiten führte. Das Ordnungsreferat geht aber auch davon aus, dass sich die Prostitution aufgrund des Verbots der Bordelle wohl vielfach schlichtweg an andere Orte wie Wohnungen, Hotels und Pensionen zurückgezogen hat.

Opfer von Ausbeutung besonders gefährdet

Nun könnte es laut den Experten des Arbeitskreises Prostitution des Kommunalen Präventionsrates wohl schwer werden, diese Entwicklung, die noch mehr Prosituierte in das ohnehin bereits große Dunkelfeld treibt, wieder rückgängig zu machen. Denn für die Zuhälter habe die Ausübung der Prostitution im Dunkelfeld im Vergleich zu den Bordellen einige Vorteile. So sei das Anmieten von Zimmern in Hotels oder Pensionen in der Regel wesentlich günstiger als in Bordellbetrieben. Außerdem ermögliche die Anonymität den Zuhältern noch mehr Kontrolle über die Prostituierten, auch in Form von Gewalt. Auch weitere kriminelle Aktivitäten werden wahrscheinlicher.

Die zunehmende Verlagerung in die illegale Prostitution könnte für die betroffenen Frauen somit ernste Konsequenzen haben. Allgemein werden die Ermittlungen der Polizei bei Verdacht auf Zwangsprostitution und Menschenhandel schwierigerer, ebenso wie die Durchführung von Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen der Milieusozialarbeit. Besonders Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden oder sexuell ausgebeutet werden, seien durch die Entwicklung also besonders gefährdet. Auswirkungen könnte das Problem aber auch auf die restliche Stadtgesellschaft haben, etwa im Hinblick auf Sicherheit in den Wohnvierteln.

Sowohl die Polizei als auch die Milieusozialarbeit in Augsburg haben ihre Tätigkeiten inzwischen laut dem Ordnungsreferat an die "aktuellen Herausforderungen angepasst". So bietet Solwodi etwa im "Walk and Talk"-Format begleitende Beratungsgespräche ohne festen Treffpunkt an, um die Frauen zu erreichen. Das Konzept beinhaltet eine zeitintensive Betreuung von Einzelfällen inklusive Krisenintervention.

Um der aktuellen Entwicklung und dem Bedarf der Frauen gerecht zu werden, ist es laut der Beschlussvorlage nun auch unabdingbar, wieder alle hierfür vorgesehenen Kapazitäten der Milieusozialarbeit zu reaktivieren. Mit den im Beschluss des Ausschusses skizzierten Maßnahmen mache sich die Stadt zusätzlich "auf den Weg, diesem Trend aktiv entgegenzuwirken".

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