Region: Augsburger Land

Gegen Vergessen, für Demokratie

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Freie Mitarbeiterin Ute Blauert aus Bobingen
Charlotte Knobloch während ihrer Laudatio für Preisträger Josef Pröll.

Anlässlich der Verleihung des Willi-Ohlendorf-Preises an Josef Pröll kam Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, nach Bobingen.

„Ich kann mir keinen besseren Preisträger vorstellen“, sagte Charlotte Knobloch in ihrer Laudatio für Josef Pröll, den diesjährigen Träger des Willi-Ohlendorf-Preises. Zum fünften Mal seit 2007 verlieh die Fraktion der SPD im Bobinger Stadtrat in der vergangenen Woche diesen Preis „für besondere Verdienste um Meinungsfreiheit, Demokratie und Solidarität unter den Menschen und Völkern. Die zu ehrenden Personen sollen sich auszeichnen durch demokratisches Engagement und Zivilcourage und durch politischen, gesellschaftlichen und sozialen Einsatz. Sie sollen einen Beitrag leisten zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Dritten Reiches, insbesondere den Themenkreisen Widerstand, Juden, Verfolgte, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene“, wie es in der Satzung der Preisvergabe heißt.

Die Preisverleihung fand in der voll besetzten Dreifaltigkeitskirche statt. Edmund Mannes, der Vorsitzende der SPD-Fraktion, konnte eine Enkelin und eine Urenkelin Willi Ohlendorfs, Dunja und Rebecca Peterhans, in der Kirche begrüßen sowie Bürgermeister Bernd Müller, Sabine Grünwald in Vertretung von Landrat Martin Sailer, den Landtagsabgeordneten Harald Güller, den Vorsitzenden des Präsidiums der AWO Schwaben Dr. Heinz Münzenrieder, Geistliche beider christlichen Kirchen, einige Stadträte und Kulturpreisträger Bobingens und sehr viele Bürger der Stadt. Besonders herzlich begrüßte er den Preisträger Josef Pröll sowie Dr. h.c. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern seit 1985. Von 2005 bis 2013 war sie zudem Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, von 2003 bis 2010 Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses und von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. 1932 in München geboren, entging sie dem Schicksal vieler ihrer Familienangehörigen, weil eine Hausangestellte sie in Mittelfranken als ihr eigenes uneheliches Kind ausgab. 1945 kehrte Knobloch nach München zurück. Sie heiratete 1951 und wollte mit ihrem Mann nach Australien auswandern, doch wegen ihrer kleinen Kinder blieb das Ehepaar in München. „Bayern bleibt meine Heimat, obwohl unsere Koffer jahrzehntelang gepackt auf dem Dachboden standen“, sagte sie in einem Interview, das Edmund Mannes zitierte.

Vorbildliche Zivilcourage

Willi Ohlendorf wohnte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Bobingen. Er arbeitete als Ingenieur in der IG-Farben-Fabrik, hatte eine Frau und drei kleine Kinder und war Mitglied einer sozialistischen Gruppe, die gegen Nationalsozialismus und Kriegsvorbereitung opponierte. Aufgrund dieser Mitgliedschaft wurde er 1938 verhaftet und 1939 in einem für die damalige Zeit typischen Schauprozess zu sechs Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Nach Ableistung der Haftzeit wurde er nicht entlassen, sondern kam in ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, wo er entkräftet und krank 1944 zu Tode kam. „Der Preis wurde nach ihm benannt, um an ihn und seine vorbildliche Zivilcourage zu erinnern“, so Bürgermeister Bernd Müller in seinem Grußwort.

Charlotte Knobloch stellte in ihrer Laudatio den Preisträger vor: 1953 in Augsburg geboren, gehört Josef Pröll zu einer Familie von Gegnern des NS-Regimes. Sein Vater, seine Mutter, zwei Onkel und auch beide Großeltern wurden inhaftiert. Sein Großvater wurde im KZ Dachau ermordet. Seine Mutter Anna wurde als 17-Jährige wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt. Sein Vater Josef verbrachte mehr als acht Jahre in Haft. Ein Onkel starb im Konzentrationslager mit 29 Jahren. Er hatte ein Drittel seines Lebens in Haft verbracht. Nach Kriegsende wurden die Überlebenden zu Hause in Augsburg als „Zuchthäusler“ diffamiert. 2002 erhielt Prölls Mutter Anna das Bundesverdienstkreuz, 2003 wurde sie Ehrenbürgerin Augsburgs. 2006 starb sie 89-jährig. Heute trägt eine Schule in Gersthofen ihren Namen. Das Schicksal seiner Familie und anderer NS-Verfolgter wurde für Josef Pröll zum Lebensthema. Er wirkte an vielen Zeitzeugenprojekten mit und an der Aufarbeitung der Geschichte des KZ-Außenlagers Kaufering. Er ist Mitglied des Präsidiums der Lagergemeinschaft Dachau, Referent der KZ-Gedenkstätte Dachau und aktiv im Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“. Auch mit seinen Dokumentarfilmen kämpft er gegen Vergessen und einen wieder erstarkenden Judenhass. Der Film „Anna, ich habe Angst um dich“ schildert die Erlebnisse seiner Familie. In „Die Stille schreit“ thematisiert er die „Arisierung“ und das Schicksal der jüdischen Augsburger Familien Oberdorfer, Friedmann und Schnell, die in der NS-Zeit alles verloren. „Josef Pröll verschafft den Opfern von damals Gehör“, so Charlotte Knobloch. Als sie geendet hatte, erhoben sich alle Anwesenden für einen lang anhaltenden Applaus.

Aufstehen für Demokratie

Edmund Mannes überreichte dem freudestrahlenden Josef Pröll die Urkunde des Willi-Ohlendorf-Preises. Dann brandete minutenlanger jubelnder Beifall auf, den Josef Pröll überwältigt und gerührt entgegen nahm. Er bedankte sich für die Auszeichnung und für die Unterstützung, die er von seiner Familie und vielen Wegbegleitern erfahren durfte. „Lebensgeschichten wie die von Willi Ohlendorf sind es, die dazu motivieren, weiterzumachen im Kampf für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wir müssen uns fragen, wie wichtig uns die Demokratie ist, nach Aussagen wie der eines Politikers, dass die Nazis nur ein „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ gewesen seien. Wir haben keine Ausrede, wir müssen aufstehen und unsere Stimme erheben gegen Hass, Antisemitismus, Rassismus und für eine starke Demokratie. Wir müssen deutlich machen, dass diejenigen, denen die Demokratie am Herzen liegt, in der Mehrheit sind“, appellierte Pröll. Zum Abschluss dankte Edmund Mannes Charlotte Knobloch mit einem Strauß weißer Rosen für ihren Besuch in dem kleinen Ort Bobingen, worauf die Angesprochene lächelnd erwiderte: „Es ist kein kleiner Ort, sondern ein großer Ort, in dem Menschen mit großen Herzen leben. Dafür danke ich Ihnen.“

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