Region: Augsburger Land

Helfen, wo Hilfe gebraucht wird

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Freie Mitarbeiterin Ute Blauert aus Bobingen
Im „Café International“ in Bobingen kann man sich treffen, Spiele spielen, sich unterhalten. Der Verein „Integrationswerkstatt Bobingen“ bietet geflüchteten Menschen Hilfe an.

Der Verein „Integrationswerkstatt Bobingen“ bietet geflüchteten Menschen praktische Hilfe im Alltag und bei Behördengängen an.

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Wer an einem Freitag zwischen 16 und 19 Uhr in die Alte Mädchenschule geht und den Wegweisern zum "Café International" folgt, betritt einen Raum mit vielen Tischen, an denen Menschen sich unterhalten, kleine Kinder malen, ältere an Brettspielen sitzen und an einer Theke Getränke ausgeschenkt werden. Man hört Deutsch, Englisch und andere Sprachen. An einem Tisch sitzt Jenny Seitz, hört zu und macht sich Notizen. Sie ist die Vorsitzende des Vereins "Integrationswerkstatt Bobingen".

Der Verein bietet geflüchteten Menschen praktische Hilfe im Alltag und bei Behördengängen an. "Formulare auszufüllen nimmt die meiste Zeit meines Engagements in Anspruch", erzählt Jenny Seitz. Seit 2015 kümmert sie sich viele Stunden pro Woche um Asylsuchende in Bobingen. "Mir gefällt es, die verschiedenen Menschen und ihre Kulturen kennen zu lernen", erklärt sie ihre Motivation.

In ihrer Versicherungsagentur erlernt eine Auszubildende aus Afghanistan den Beruf der Kauffrau für Versicherungen und Finanzen. Sie gehört zu einer Familie, der die Integration in Bobingen besonders gut gelungen ist: Beide Eltern haben eine Arbeitsstelle, drei der fünf Kinder machen eine Ausbildung, zwei gehen noch in die Schule. Der Verein "Integrationswerkstatt Bobingen" ist für jede Hilfe und jede Spende dankbar.

Der 41-jährige Masoud ist Kraftfahrzeugmechaniker aus dem Iran. Sein Vater und sein Großvater hatten eine Werkstatt für Autos und Motorräder. Als Masoud 15 Jahre alt war, starb sein Vater und er musste in der Werkstatt die Arbeit des Vaters übernehmen. Er machte die Führerscheine für Bus und Lkw und arbeitete nebenbei noch für ein Busunternehmen, wenn dort ein Fahrer ausfiel. Dann erkrankte seine Mutter an Krebs. Er war das älteste Kind und hatte nun für seine drei jüngeren Geschwister zu sorgen. "Es war eine schlimme Zeit", sagt er.

Seine Familie lebte nicht religiös. Vor etwa zehn Jahren erzählte ein Kunde in der Werkstatt von seiner Religion, dem Christentum. Was er hörte, gefiel Masoud und er ließ sich taufen. Viele junge Menschen im Iran wenden sich ab von der strengen Auslegung des Koran, wie die dortige Regierung sie verlangt, und manche wenden sich dem Christentum zu. Doch der Islam ist Staatsreligion, zu konvertieren ist nicht vorgesehen. Etwa ab 2017 wurden immer mehr Christen verhaftet und wegen "Handlungen gegen die Staatssicherheit" zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Viele überlebten das Gefängnis nicht. Masoud wollte diesem Schicksal entrinnen.

Er ging im März 2018 zum deutschen Konsulat und erhielt ein Visum. In Deutschland wurde er einer Unterkunft in Bobingen zugewiesen. Er besuchte Deutschkurse und absolvierte unbezahlte Praktika in Fahrrad- und Kfz-Werkstätten. Im Mai 2020 erhielt er die ersehnte Arbeitserlaubnis. Eine Autowerkstatt in Haunstetten, in der er zuvor als Praktikant gewesen war, gab ihm einen festen Arbeitsvertrag.

Doch in diesem Jahr landete sein Fall vor einem Richter, der seine Geschichte offenbar für unglaubwürdig hielt und ihm im Juni die Arbeitserlaubnis wieder entzog. Sein Chef musste ihn gehen lassen, obwohl er ihn sehr gern behalten hätte. Nun ist er nur geduldet im Land, was bedeutet, seine Abschiebung gilt als vorübergehend ausgesetzt. "Jetzt ist die gute Zeit für mich vorbei", sagt Masoud.

Er hofft auf die Entscheidung der Härtefallkommission. Eine solche Kommission gibt es in jedem Bundesland. Sie kann ausreisepflichtigen Ausländern zu einem Bleiberecht verhelfen, wenn die Vollziehung der Ausreisepflicht menschlich oder moralisch unerträglich wäre. "Der Iran ist ein wunderschönes Land. Es gibt Gebirge, in denen es aussieht wie in den Alpen, und es gibt Strände wie am Mittelmeer. Ich würde gern zurück gehen, aber das ist nicht möglich", so Masoud. "Mein Vater und mein Großvater haben mir erzählt, wie es vor der Islamischen Revolution 1979 in unserem Land war. Es gab viele Religionen, Kulturen, Lebensweisen und alle waren gleichwertig. Man konnte frei leben. Heute zwingt die Regierung allen den Islam auf. Nur noch ein Prozent der Bevölkerung ist christlich oder jüdisch."

Auch Andrea Zabelt engagiert sich schon seit 2015 in der Integrationswerkstatt. "Wir haben Masoud nie anders als ruhig, freundlich, höflich, hilfsbereit und zuverlässig erlebt", berichtet sie. "Er hilft im Café, jeden Samstagmorgen ist er in unserer Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge und möbelt dort alte Fahrräder auf, die uns gespendet wurden. Außerdem zeigt er anderen, wie sie ihre Fahrräder selbst reparieren können. Neuankömmlingen aus dem Iran oder Afghanistan hilft er als Übersetzer, denn in beiden Ländern wird Persisch gesprochen. Anfangs haben wir ihm geholfen, jetzt ist er uns eine große Hilfe."

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