Region: Augsburger Land

Helfen in Krisengebieten will gelernt sein

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Freie Mitarbeiterin Ute Blauert aus Bobingen
Hier wird das Verlegen eines Abwasserrohres geübt.

Die Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften führten in Bobingen einen Lehrgang durch mit Teilnehmern aus sechs Ländern.
Wie kann man Menschen, die von einem Erdbeben heimgesucht wurden oder aus einem Kriegsgebiet geflüchtet sind, helfen? Darüber konnten die Besucher einer Informationsveranstaltung in der vergangenen Woche in Bobingen einiges erfahren. Auf dem Sand- und Kiesabbaugelände der Firma Lauter wurde an verschiedenen Arbeitsstationen vorgeführt und von den Trainern des Lehrgangs erklärt, was die Teilnehmer dort drei Tage lang übten. Nach Überschwemmungen oder Erdbeben sind die Einrichtungen für Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zerstört, in Flüchtlingslagern erst einmal nicht vorhanden. Um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern, muss möglichst schnell für Trinkwasser und für Latrinen gesorgt werden. Der Abtritt für die Latrinen wird aus Beton in Formen aus Plastik gegossen, die das Rote Kreuz zum Einsatzort mitbringt. Der Beton wird mit Schaufeln in Schubkarren gemischt. Während der Beton trocknet, werden Gräben ausgehoben und Rohre verlegt für das Abwasser. Für diese Arbeiten sind im Einsatzgebiet Einheimische zuständig, doch die Katastrophenhelfer, in der Rot-Kreuz-Sprache „Delegierte“ genannt, müssen es selbst üben, damit sie im Ernstfall die Bauleitung übernehmen können. Die Latrinenhütte muss aus Werkstoffen gebaut werden, die vor Ort vorhanden sind. In Deutschland wird für die Ecken Vierkantholz verwendet. Doch viele Länder der Erde sind so abgeholzt, dass Stahlrohre leichter zu bekommen sind als Holz, wie einer der Trainer aus seiner Einsatzerfahrung berichtete. Oder es gibt nur Hölzer mit rundem Querschnitt, dann muss damit gearbeitet werden. 
Von größter Wichtigkeit für die Gesundheitsvorsorge ist die Einrichtung zum Händewaschen vor der Latrine. Dafür wird auf ein Holzgestell ein Wasserfass aus Kunststoff gestellt, das so klein ist, dass man es auch zu Fuß transportieren kann, wo es keine Straßen gibt. Das Fass bekommt ein Ventil, das sehr sparsam Wasser abgibt und sich selbst verschließt, sobald ein Betätigungshebel losgelassen wird. Denn am Boden dürfen keine Pfützen entstehen, in denen sich unweigerlich Fliegen und Krankheitskeime vermehren würden. Die Seife kommt in einen Strumpf, der an das Holzgestell genagelt wird. In Ebola-Gebieten wird dem Wasser Chlor beigemischt und vor jedem Gebäude wird ein Fass aufgestellt und zum Händewaschen aufgefordert. Das ist der sicherste Schutz vor Ansteckung. Wichtig ist auch die Entsorgung medizinischer Abfälle. Die Helfer bringen einen Ofen mit, der auf ein Blechfass aufgesetzt werden kann. Diese Fässer haben auf der ganzen Welt dieselbe Größe. Infektiöser Müll wird in solchen Fässern gesammelt und mit Hilfe des Ofens bei über 1200 Grad rückstandslos verbrannt.

Die Selbstversorgung für einen Monat wird mitgebracht.

Rotes Kreuz und Roter Halbmond bringen alles zum Einsatzort mit, was sie für einen Monat für sich selbst benötigen, wie Lebensmittel, Trinkwasser, Stromgenerator, Zelte und auch Bügeleisen. Jedes Kleidungsstück bis hin zu den Socken wird in heißen Ländern gebügelt, um die Schwarzen Fliegen darin zu töten, die ein entsetzliches Hautjucken verursachen. Damit die Delegierten im „Base Camp“, wie die Unterbringung für die Hilfskräfte am Einsatzort genannt wird, duschen können, wird ein Bausatz aus Kunststoffteilen mitgebracht. Der Zusammenbau wurde in Bobingen eingeübt. Es wird auch viel Werkzeug und Material mitgebracht, wie Schubkarren, Schaufeln, Generatoren oder Abfall-Verbrennungsöfen. Nach Einsatzende bleibt alles vor Ort, da es dort weiter benötigt wird und auch, weil der Rücktransport teurer wäre als der Materialwert.
Die Trainer des Lehrgangs haben Erfahrungen in vielen monatelangen Einsätzen in Krisengebieten weltweit gesammelt. Bosnien, die Malediven, Burkina Faso, Madagaskar oder Pakistan wurden genannt. Regierungspräsident Dr. Erwin Lohner zeigte sich tief beeindruckt von der Leistung dieser Menschen. Bei der Regierung von Schwaben wie auch beim Landratsamt und bei der Bundeswehr gibt es Abteilungen für "Sicherheit und Ordnung", die im Katastrophenfall tätig werden. Mitarbeiter dieser Abteilungen nutzten die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, zusammen mit Landrat Martin Sailer und dem Regierungspräsidenten.
Die Besucher wurden begrüßt von Günther Geiger, der den Kreisverband Augsburg-Land des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) und auch das „Kompetenzzentrum für die Internationale Arbeit im BRK“, kurz KIA, leitet. Er äußerte sich froh darüber, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Verbands ein solcher Lehrgang im Landkreis stattfand. Er und seine Kollegen im KIA hatten die organisatorische Vorbereitung des einwöchigen Lehrgangs übernommen. Zunächst wurde ein Gelände benötigt, in dem gegraben werden darf und wo auch Räume für die Verpflegung vorhanden sind. Die Idee, das Sand- und Kiesabbaugelände der Firma Lauter in Bobingen anzufragen, hatte das ortskundige KIA-Mitglied Alexander Leupolz aus Königsbrunn. Die Firma sagte zu und bereute es nicht, so Geschäftsführer Benjamin Lauter, im Gegenteil. Das Rote Kreuz habe den Betriebsablauf nicht gestört und er sei beeindruckt von den Fertigkeiten der Lehrgangsteilnehmer. Außerdem wurden Seminarräume für den theoretischen Unterricht gebraucht. Diese wurden beim Förderkreis Wasserwacht in Haunstetten gefunden. Untergebracht waren die Teilnehmer in der Ulrichskaserne der Bundeswehr in Lagerlechfeld.
Landrat Sailer sprach ein Grußwort, in dem er seinen Stolz darauf äußerte, dass die Stabsstelle KIA des Roten Kreuzes 2013 in Augsburg eingerichtet wurde. „Dadurch ist Augsburg Fachleuten des Katastrophenschutzes nun in aller Welt bekannt“, sagte er. Der Lehrgang wurde geleitet von Philipp Polanski. Er arbeitet hauptamtlich als Referent für Katastrophenhilfe im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin. Die Einsatzsprache aller Hilfsorganisationen ist Englisch, daher lautete das Thema des Lehrgangs „Emergency Sanitation“, auf Deutsch Notfallhygiene. Die 19 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, Tschechien, Finnland, Chile und Ghana. Der Delegierte aus Ghana ist Referent für Katastrophenhilfe des Ghanaischen Roten Kreuzes und wird in seinem Heimatland bald ähnliche Lehrgänge durchführen.

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