Region: Aichach|Friedberg

Nach Bombenangriff in Butscha: Verletzter wird in Friedberg behandelt

Alexander Melnyk (Zweiter von rechts) wurde beim Angriff auf ein Einkaufszentrum in Butscha schwer verletzt. Seine in Pfaffenhofen lebende Schwester Stella Lehrberger und ihr Mann Gerhard (links) vermittelten über den Rotary-Club Schrobenhausen-Aichach eine Behandlung im Friedberger Krankenhaus. Dort kümmerte sich der Leitende Oberarzt der Unfallchirurgie, Holger Haak (rechts) um seine Genesung.

Einen Monat nach Beginn des Krieges in der Ukraine wurde das 25 Kilometer von Kiew entfernt liegende Butscha weltweit zum Inbegriff russischer Gräueltaten. Die 35 000-Einwohner-Stadt ist die Heimat von Alexander Melnyk, der dort bis zum 21. März im Zivilschutz half. Bei einem Bombenangriff auf ein Einkaufszentrum, in dem technisches Gerät und Soldaten stationiert waren, wurde er unter einer Wand begraben und lebensbedrohlich verletzt. Mit Hilfe seiner Familie gelangte er zwei Wochen später nach Deutschland, wurde durch Vermittlung des Rotary- Clubs Schrobenhausen-Aichach in den Kliniken an der Paar behandelt und lebt derzeit bei seiner Schwester in Pfaffenhofen an der Ilm.

Nach dem Angriff am späten Abend hätten ihn seine Kameraden unter den Trümmern geborgen, berichtete er auf Englisch bei einer Pressekonferenz am Dienstag im Landratsamt in Aichach. „Ich merkte, dass ich nicht stehen konnte, deshalb trugen mich meine Kameraden zu einem Rettungswagen.“ Dieser brachte ihn nach Kiew, wo die Ärztinnen und Ärzte sein mehrfach gebrochenes Becken operierten, das eine „lebensbedrohliche“ Verletzung sein kann, wie Holger Haak erläuterte, der als Leitender Oberarzt der Unfallchirurgie am Friedberger Krankenhaus die Behandlung des 42-Jährigen übernommen hat.

Den Transport nach Friedberg hat sich Alexander Melnyk übrigens selbst organisiert, nachdem seine Schwester und sein Schwager über den Rotary-Club die Unterstützung von Landrat Klaus Metzger und der Kliniken an der Paar auf den Weg gebracht hatten. Denn für eine Genehmigung zur Ausreise – alle Männer bis zum Alter von 60 Jahren sind bekanntlich verpflichtet, zur Verteidigung des Landes zu bleiben – war eine Bestätigung nötig, dass das Krankenhaus ihn behandeln wird. Gebracht wurde Alexander Melnyk von einem Krankentransport mit einem Arzt und zwei Sanitätern, die die rund 2000 Kilometer durchfuhren und nach ihrer Ankunft sofort wieder den Rückweg antraten.

Die gute medizinische Arbeit in der Ukraine hoben Leitender Oberarzt Holger Haak und Klinik-Chef Dr. Hubert Mayer während der Pressekonferenz mehrfach hervor. Das gelte nicht nur für die Versorgung im Fall von Alexander Melnyk. Allerdings müssen die Mediziner unter erheblich erschwerten Bedingungen, in Kellern und unter Beschuss, arbeiten. Beide gehen davon aus, dass noch weit mehr Menschen mit teils erheblichen Verletzungen nach Deutschland kommen werden. Ukrainische Krankenhäuser könnten derzeit nur die Erstversorgung übernehmen und damit das Überleben der Patienten sichern. „Wir sind es gewohnt, mit schwer- und mehrfachverletzten Patienten umzugehen“, sagte Holger Haak, „aber was da auf uns zukommt, ist vielen Mediziner vermutlich noch nicht klar.“ Die Kliniken an der Paar bereiten sich bereits auf solche Fälle vor.

Alexander Melnyks Frau war schon zu Beginn des Krieges mit dem 13 Jahre alten Sohn und der 18-jährigen Tochter in die Westukraine geflüchtet. Später hat Gerhard Lehrberger sie in Rumänien abgeholt, nun lebt die gesamte Familie bei Lehrbergers in Pfaffenhofen. Überaus dankbar zeigte sich Alexander Melnyk über die Hilfe, die ihm zuteil wurde. In einer Umgebung zu genesen, in der es Vogelgesang statt Bombenalarm gebe, sei gut für seine Seele.

Vermutlich ist es auch gut für seiner Kinder. Stella Lehrberger berichtet von einem Gewitterdonnern zu Beginn der Woche. Das habe ihren 13-jährigen Neffen aufgeschreckt, der sofort in die Küche gelaufen kam, um zu fragen, wo er sich verstecken soll.

Aktuell habe er kaum Informationen aus Butscha, erzählt Alexander Melnyk auf Nachfrage. Alle Freunde und Bekannten seien fort. Nach dem Abzug der russischen Armee fanden Freunde die Wohnung der Melnyks aufgebrochen vor. Ob sich russische Soldaten Zutritt verschafft hätten, oder ukrainische Kämpfer auf der Suche nach Angreifern waren, sei unklar. Es könnten auch Plünderer gewesen sein.

Vor dem 42-Jährigen liegt noch ein langer Weg, was Behandlung und Physiotherapie betrifft. Folgenlos heile eine solche Verletzung selten aus, erklärt Holger Haak, und die Genesung brauche Zeit. Alexander Melnyk wirkt dennoch ungewöhnlich positiv im Gespräch, auch wenn es „die schwerste Verletzung meines Lebens ist, ich hatte nie auch nur einen Knochenbruch“. Nun ist er mindestens zwei Monate auf einen Fixateur externe angewiesen, eine Haltevorrichtung, die sein Becken stützt.

Für den sportlichen Mann ist das eine Quälerei. Er ist Mitglied einer Sportschützenvereinigung, für die er auch an Wettbewerben teilgenommen hat. Beruflich hat er für einen privaten Sicherheitsdienst und auch schon für die Steuerpolizei gearbeitet. Und was wird, wenn er gesund ist? „Ich muss zurück.“ (Carina Lautenbacher)

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