Region: Günzburg|Krumbach

Fünf Köpfe, ein Zimmer: Die schwierige Lage einer Familie aus Somalia in Burgau

Freier Mitarbeiter Marc Hettich
Die ehrenamtliche Helferin Evelyn Söll mit dem Ehepaar Fatema Saleh und Abdulqadir Ali sowie den Töchtern Akram (5) und Quabul (1). Während das Foto entstand war Sohn Ali Abdulqadir (7) in der Schule.

Evelyn Söll ist eine ehrenamtliche Helferin, die Asylbewerber im Alltag unterstützt. Im Interview mit der StaZ erzählt sie, wie eine Flüchtlingsfamilie aus Somalia innerhalb einer Woche ihre Unterkunft in Gundremmingen verlassen musste. Alles begann an einem Samstag, als die Familie Post vom Landratsamt bekam.

StaZ: Was stand in diesem Brief?

Evelyn Söll: Die Familie Abdulqadir wurde aufgefordert, im Laufe der kommenden Woche, bis spätestens Freitag, aus ihrer Unterkunft in Gundremmingen auszuziehen. Damit blieb den fünf Somaliern keine ganze Woche für den Umzug.

StaZ: Wie hat die Familie Abdulqadir reagiert?

Söll: Das hat einen Schockzustand ausgelöst. Als sogenannte „Fehlbeleger“ haben sie in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt, obwohl ihr Asyl bereits anerkannt wurde. Dass der Wohnungsmarkt für eine fünfköpfige Familie aus Somalia nicht gerade rosig aussieht, dürfte jedem klar sein. In Gundremmingen konnten die drei Kinder im Alter von sieben, fünf und einem Jahr angemessen leben. Wer wäre nicht entsetzt, wenn er plötzlich wüsste, dass er womöglich innerhalb einer Woche auf der Straße steht?

StaZ: Warum musste die Familie überhaupt aus ihrer Unterkunft ausziehen?

Söll: Die Unterkunft wurde vom Landratsamt geschlossen, weil der Mietvertrag ausgelaufen ist. Eine Information, die aber nicht überraschend aufgeploppt sein dürfte. Ich bin auch in einer Unterkunft in Aislingen Hausmeisterin. Hier läuft im Januar 2022 auch der Vertrag aus. Da ich das frühzeitig weiß, kann ich angemessene Lösungen für die Bewohner suchen. Was mich am aktuellen Fall stört: Die Bewohner und wir als Helfer wurden unglaublich kurzfristig informiert.

Insgesamt müssen sich etwa 20 Bewohner eine neue Bleibe suchen

StaZ: Sind weitere Menschen von der Schließung in Gundremmingen betroffen?

Söll: Rund 20 Bewohner mussten ausziehen. Die Aufregung war groß. Als eine Mitarbeiterin des Landratsamtes vor Ort war und mich anrief, konnte ich durchs Telefon die lautstarken Proteste hören. Der Auszug stellt für viele Asylbewerber ein großes Problem dar. Ein junger Mann beispielsweise macht gerade eine Ausbildung in Offingen. Die wenigen Kilometer nach Gundremmingen kann er mit dem Fahrrad bewältigen. Wenn das nicht mehr geht, verliert er vielleicht die Möglichkeit, seine Ausbildung zu vollenden – und damit jegliche Perspektive.

StaZ: Wo leben die Abdulqadirs jetzt?

Söll: Der Familie wurde ein einzelnes Zimmer in der berüchtigten Asylbewerberunterkunft in der Mühlstraße in Burgau zugewiesen. Das ist natürlich für fünf Köpfe viel zu klein. Der älteste Sohn kann unter diesen Umständen nicht in Ruhe seine Hausaufgaben machen, während seine Geschwister spielen oder schlafen. In der Unterkunft wird viel geraucht, es gibt keinen Garten und der Bau – eine alte Mühle, die immer noch in Betrieb ist und Strom erzeugt – liegt direkt an einem Fluss. Letztes Jahr ist da beinahe ein Kind ertrunken. Zum Glück konnte ein beherzter Arbeiter, der Wartungsarbeiten an der Mühle vornahm, das Kind aus dem Wasser ziehen. Aber das zeigt, dass die Unterkunft für eine Familie mit drei kleinen Kindern völlig ungeeignet ist.

StaZ: Warum kam die Familie denn ursprünglich nach Deutschland?

Söll: Eines Tages saß Vater Ali in seiner Heimat im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Er musste mit ansehen, wie sein eigener Vater und sein Bruder, die vorne im Wagen saßen, von Schüssen getroffen wurden. Leider ist sowas in Somalia keine Seltenheit. Ali selbst hat nach einer schweren OP und mit vielen Schmerzen als einziger Sohn überlebt. In Somalia hat er daraufhin keine Zukunft mehr gesehen und sich zur Flucht entschlossen. Seine Route führte ihn in die Türkei, wo er seine Frau Saleh kennenlernte. Noch in der Türkei haben die beiden geheiratet, ehe sie dann 2015 nach Deutschland gekommen sind.

StaZ: Wie geht es jetzt weiter?

Söll: Es steht noch ein weiteres Gespräch mit dem Landratsamt aus. Ich hoffe, dass sich ein Kompromiss finden lässt. Die Abdulqadirs sind sehr liebenswerte und dankbare Menschen. Wie fühlt sich das wohl an, ständig vermittelt zu bekommen, ein lästiger Störfaktor zu sein? Ich wünsche mir, dass wir mit diesen Menschen auf Augenhöhe mit Respekt umgehen. Wer einen Hinweis für eine geeignete Wohnung hat, darf sich gerne melden. Kontakt: Evelyn Söll, Telefon 08222/79 00. (red)

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