Region: Augsburger Land

Königsbrunner Campus: Was Lügen bewirken

Profilbild vonFreie Mitarbeiterin Ute Blauert aus Bobingen
Maria Schwartz bei ihrem Vortrag über die Lüge

Sind Lügen immer schlecht oder manchmal auch harmlos oder sogar gut? Ein Vortrag in der Reihe „Königsbrunner Campus “ beschäftigte sich mit diesen Fragen.
Trotz des sonnigen Wetters, das zum Sitzen im Freien einlud, kamen rund 80 Interessierte in den Pavillon 955 zum Vortrag „Wahrhaftigkeit ist erhaben - Lüge, Notlüge und Aufrichtigkeit in der ethischen Diskussion“ von Maria Schwartz. Schwartz ist Dozentin am Lehrstuhl für Philosophie der Universität Augsburg. „In der Wissenschaft werden zuerst die Begriffe genau geklärt, um Missverständnisse zu vermeiden“, erläuterte sie zu Beginn und fuhr fort: „In der Philosophie verstehen wir unter einer Lüge eine unwahre, in Täuschungsabsicht vorgebrachte Äußerung“. Sie trug vor, die Philosophie sei sich einig, dass es verwerflich sei zu lügen und jeder Mensch eine aufrichtige Haltung anstreben solle. Begründet werde dies damit, dass jeder Mensch ein Recht auf Freiheit hat, auch auf Entscheidungsfreiheit. "Man mag großes Verständnis haben für jemanden, der gern möchte, dass ein Gast über Nacht bleibt und deshalb behauptet, der letzte Bus sei schon abgefahren. Doch diese Lüge beraubt die belogene Person ihrer Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie über Nacht bleiben will oder nicht."  
"Wer lügt oder stark übertreibt, um höflich oder um witzig zu sein, hat nicht die Absicht, jemanden zu täuschen. Deshalb lügt er also nicht. Dem stimmt sogar der strenge Philosoph Immanuel Kant zu. Kant war der Ansicht, Wahrhaftigkeit sei die Grundlage allen Rechts und war deshalb strikt gegen jede Lüge. Für den Fall, dass Gewalt im Spiel ist, hatte Kant jedoch keine Antwort. Wenn jemand in mein Haus flüchtet, weil er von einem anderen mit Mordabsichten verfolgt wird, darf ich dann den Mörder belügen und behaupten, das Opfer sei nicht im Haus? Ja, sagt dazu der Philosoph Friedrich Hegel, denn hier handele es sich um eine Notlüge. Eine Notlüge schädigt niemanden und soll Schlimmeres verhindern."  

Lügen für den guten Eindruck

Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass zu lügen zum menschlichen Alltag gehört. Man übertreibt, man erfindet Ausreden, um einen guten Eindruck zu machen. Der Nachteil dieser Taktik sei, dass die Angst vor dem Gesichtsverlust bleibt, sagte Schwartz und riet auch hier zur Wahrheit, da man oft erleben könne, dass man wegen seiner Ehrlichkeit für vertrauenswürdiger gehalten wird. Dadurch schwinde die Angst. Und was ist von einer Lüge zu halten, die aus Rücksichtnahme geäußert wurde? „Das ist ein Bereich, wo niemand eine eindeutige Antwort weiß. Man muss nicht schonungslos offen sein, wenn dies einen anderen verletzen würde. Am besten ist dann, seine Meinung für sich zu behalten oder eine möglichst taktvolle Formulierung zu finden“, meinte Schwartz.
„In der Politik ist die Lüge ein Feind der Demokratie. Denn in der Demokratie muss sich jeder eine Meinung bilden und das kann er nur auf der Grundlage von Tatsachen“, so Schwartz weiter. Sie berichtete, dass sie häufig höre, es gebe keine Tatsachen, sondern man könne alles so oder so sehen. Das sei jedoch Unsinn. Über Fakten könne man nicht diskutieren, nur über die Einschätzung von Fakten, etwa über deren Gefahrenpotential. "Ein berühmtes Beispiel für Lügen in der Politik ist der Vortrag des früheren US-Außenministers Colin Powell über die Bedrohung, die angeblich von Saddam Hussein ausging. Er erhielt die Zustimmung zum Irakkrieg auf Grund von Lügen und ist deshalb verantwortlich für den Tod vieler Menschen."  
Wahrhaftigkeit sei nicht zu verwechseln mit totaler Offenheit, so Schwartz. „Privatsphäre und Vertraulichkeit müssen gewahrt bleiben. Wenn etwa sämtliche E-Mails, die im Vorfeld einer politischen Entscheidung ausgetauscht wurden, veröffentlicht werden, ist die Wirkung zerstörerisch. Ganz anders liegen die Dinge bei der Offenlegung von Spenden, denn hier muss überprüfbar sein, ob sie rechtmäßig erfolgt sind.“

In der Lügenflut

„Die Philosophin Hannah Arendt schrieb über das pausenlose, organisierte Lügen in der totalitären Propaganda, den Zuhörern gehe die Orientierung verloren. Ähnliches beobachten wir heute mit den Lügen eines Donald Trump: In der Flut von Lügen wird es schwierig, die Wahrheit zu erkennen. Propaganda und Verschwörungstheorien wirken auf viele glaubhaft, weil sie ein Körnchen Wahrheit enthalten. Der Journalist Claas Relotius hat tatsächlich viele Reportagen für renommierte Zeitungen geschrieben, die ganz oder teilweise erfunden waren. Daraus zu folgern, es gebe eine „Lügenpresse“, ist jedoch weit übertrieben. Hier wird um ein Körnchen Wahrheit herum ein großes Lügengebäude errichtet. Verschwörungstheorien finden so viele Anhänger, weil sie die komplizierte Welt einfach darstellen. Es gibt Gut und Böse wie in den Märchengeschichten der Kindheit“, führte Schwartz aus. Um nicht hilflos Lügen ausgeliefert zu sein, empfiehlt Schwartz, öfter mal Fakten zu überprüfen mithilfe des Internets. Lügen verbreiten sich in den sozialen Medien geradezu lawinenartig. Hier sieht Schwartz Konzerne wie Facebook in der Pflicht, etwas dagegen zu tun.
In der anschließenden Fragerunde ging es um Lügen in der Medizin. Soll ein Arzt einem Krebspatienten die Wahrheit sagen, wenn seine Genesungsaussicht schlecht ist? Soll ein Arzt von einem Medikament, an das der Patient glaubt, abraten, weil er weiß, dass seine Wirkungslosigkeit nachgewiesen ist? Auf solche Fragen kann die Philosophie nicht antworten. Welche Antworten für die Gesundheit des Patienten am besten sind, müssen Medizin und Psychologie erforschen. Beim Sekt nach dem Vortrag im Foyer wünschten sich zwei Zuhörerinnen einen weiteren Vortrag zum Thema, vielleicht von einem Psychologen, über Lügen in der Medizin und in der Religion. Die Leiterin des Kulturbüros Ursula Off-Melcher versprach, nach einem entsprechenden Referenten Ausschau zu halten.

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