Region: Günzburg|Krumbach

Im bitteren Tod die Ehrfurcht vor dem Leben finden Rebekka Seitzer fotografiert Sternenkinder

Freier Mitarbeiter Marc Hettich
Das erste und zugleich letzte Foto eines Kindes.

Rebekka Seitzer aus Krumbach fotografiert ehrenamtlich für Mein-Sternenkind.de verstorbene Babys

Durch das Fenster fällt das Licht der Sonne in den Kreissaal. Ein junger Mann steht davor, mit seinem Sohn auf dem Arm. Er wollte ihm die Sonne zeigen und beteuert, wie gerne er irgendwann mit ihm einen Berg bestiegen hätte. Die kaum sichtbare Träne auf der Wange des Vaters verkündet eine bittere Wahrheit: Das kleine Wesen in seinen Armen ist tot.

Diese Szene hat Rebekka Seitzer mit ihrer Kamera festgehalten. Für das Netzwerk „Dein Sternenkind“ fotografiert sie ehrenamtlich Babys, die den Sprung ins Leben nicht schaffen. „Wir schenken den Eltern das erste und letzte Bild ihres Kindes“, stellt die 33-Jährige fest. Mehr als 600 Fotografen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Teil der 2016 von Kai Gebel gegründeten Initiative.

"Wer sich bereit fühlt, übernimmt."

Wenn die Eltern, Angehörige oder das Klinikpersonal das Netzwerk informieren, geht die Alarm-App los. „Ähnlich wie bei der Feuerwehr“, erklärt Rebekka. Alle teilnehmenden Fotografen im Umkreis werden informiert und finden online im Forum der Community alle Informationen, die die rund 20 Koordinatoren gesammelt haben. Wie lauten die Namen der Eltern? In der wievielten Woche ist das Kind gestorben? Welche Fehlbildungen liegen vor? „So können wir uns emotional auf den Einsatz vorbereiten“, erläutert die in Hessen geborene Krumbacherin. „Wer dann Zeit hat und sich bereit fühlt, übernimmt.“

Kann man dafür denn bereit sein? „Du stehst jedes Mal vor dieser Kliniktür und hast unglaublich große Angst vor der ungewissen Situation. Du weißt nicht, was Dich erwartet.“ Elfmal hat sich Rebekka schon überwunden. Was erwartet die Fotografin hinter der Tür? „Das ist sehr unterschiedlich“, erklärt sie. „Oft wird natürlich viel geweint, manchmal auch vor Verzweiflung geschrien.“ Teilweise aber auch gelacht. Viele Eltern seien sehr still in ihrer Trauer. Eines sei aber immer gleich: Die große Liebe und die große Trauer im Raum sind spürbar.

Die meisten Shootings finden im Krankenhaus statt, gelegentlich Zuhause. Es gab auch Einsätze bei der Bestattung oder in der Pathologie. „Manchmal kommen wir dazu, wenn die Maschinen abgeschaltet werden“, ergänzt die Mutter einer vierjährigen Tochter.

Unschärfe und professionelle Distanz

Neben einer lichtstarken Kamera und der Freude am Fotografieren ist die einzige Voraussetzung für den Einsatz bei „Dein Sternenkind“ Fingerspitzengefühl. „Wir setzen die Kinder so in Szene, dass Missbildungen in der Unschärfe verschwinden oder die Stofftiere im Vordergrund stehen.“ Das Nachdenken über das richtige Licht oder mögliche Störfaktoren im Bild erfüllt eine wichtige Funktion: „Man konzentriert sich auf die Arbeit.“ Die Kamera schaffe eine professionelle Distanz. „Die Emotionen kommen später, beim Bearbeiten der Bilder“, verrät die Fotografin. "Was die Eltern dann mit den Fotos machen ist unterschiedlich", meint Seitzer,„manche schauen die Bilder gleich im Kreis der Familie an. Andere schließen sie erstmal weg und holen sie erst nach fünf Jahren hervor.“

Das "erfüllendste" Ehrenamt

Ein Einsatz hat Seitzer besonders geprägt. „Das war ein Kind, dass es nur bis zur 13. Woche geschafft hat“, berichtet sie, „wenn man darüber nachdenkt, dass eine Abtreibung bis zur 12. Woche möglich ist… Das Ohr war so groß wie mein kleiner Fingernagel.“ Die Aufnahme fand zwar unter vergleichsweise einfachen Bedingungen statt - nachts im Kreissaal, ohne Eltern, habe aber nachhaltig gewirkt: „Ich bin da mit einer gewaltigen Ehrfurcht vor dem Leben raus.“ Vielleicht bezeichnet sie ihre Arbeit für „Dein Sternenkind“ deswegen als „das erfüllendste Ehrenamt, das man sich vorstellen kann.“

Rebekka Seitzer macht Einsätze in Krumbach, Dillingen, Augsburg, Ulm und Memmingen. „Jeder kann sich nach seinen Möglichkeiten einbringen“, kommentiert sie. Es seien alle Berufsgruppen vertreten. Man muss nicht unbedingt Profifotograf sein. Potentielle Interessenten werden zunächst intensiv vorbereitet. „Wer sich einbringen möchte, kann sich gerne für ein unverbindliches Vorabgespräch melden“, bietet Seitzer an. Die Dankbarkeit der Eltern sind der Lohn dieses bemerkenswerten Ehrenamtes. (Marc Hettich)

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