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Energie intelligent verschwenden statt sparen

StaZ-Reporter Michael Sudahl aus Leipheim
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Energierebell Timo Leukefeld, Solateur Wolfgang Kemfple und Ulrich Müller von ESS Kempfle (v.l.)

ESS Kempfle: Energie- und Immobilientag 2022

Energie intelligent verschwenden statt sparen

Wie nachhaltiges Wohnen und Leben in Zukunft gelingt.

Die steile These, die in Bobingen zu hören ist, klingt in heutiger Zeit unglaublich. Während Gas- und Ölpreise sich binnen eines Jahres verdreifacht haben und Energiesparen das oberste Gebot der Stunde lautet, Wirtschaftsminister Robert Habeck nicht müde wird, die Deutschen auf einen kalten Winter einzustimmen, klingen die Töne in der Singoldhalle ganz anders.

Rund 100 Interessierte finden den Weg zum ersten Energie- und Immobilientag, den die Leipheimer Firma ESS Kempfle ausrichtet. Der Spezialist für Erneuerbare Energien hat Planer, Bauträger, Hausverwaltungen, Grundstücksbesitzer, Bürgermeister und weitere Gäste eingeladen, um das Thema Hausbau und Klimaschutz neu zu denken.

Erster Referent ist Professor Timo Leukefeld. Sein Thema: energieautarke Mehrfamilienhäuser. Der in der Presse auch als Energierebell bezeichnete stammt aus Freiberg, wo er mit energieautarken Wohnprojekten für Furore sorgt. Laut dem Vordenker, der auch im Frankfurter Zukunftsinstitut von Trendforscher Matthias Horx mitarbeitet, sollten wir nicht Energie sparen, sondern intelligent verschwenden.

Konkret wirbt der Energieexperte dafür, Häuser mit weniger Technik auszustatten. Statt der aktuell fast überall verbauten, wassergeführten Fußbodenheizung, rät Leukefeld zu Infrarotheiz-Paneelen an Wand und Decke. Der Strom, den das Heizsystem braucht, erzeugt die Photovoltaikanlage, deren Sonnenmodule auf Hausdach, Balkonbrüstungen und Außenwänden verschraubt sind.

Mit einem Energiespeicher im Keller, wird so die Immobilie zum Kraft- und Speicherwerk, das sich selbst, das E-Auto und in sonnigen Spitzenmonaten sogar das öffentliche Stromnetz mit Energie versorgt. Der Gegensatz also zum derzeit proklamierten Energiesparen. Sie erinnern sich? Zimmertemperatur an Wintertagen auf 19 Grad, Warmwasser nur zu bestimmten Zeiten und das Auto möglichst oft stehen lassen.

Seinen neuen Weg realisiert Leukefeld bereits seit 2010: Damals brachte der Ingenieur das erste bezahlbare und tatsächlich energieautarke Haus Europas auf den Markt. Heute sind seine ökologisch nachhaltigen Gebäude im Betrieb vollständig CO2-frei, „enttechnisiert“, energieautark und vernetzt sowie durch Strom, Wärme und E-Mobilität aus der Sonne Selbstversorger. Pauschalmieten mit Energie-Flatrates machen die Bewohner dieser Mehrfamilienhäuser unabhängig von steigenden Energiekosten auf dem Markt.

Dass Leukefeld kein einsamer Rufer in der Wüste ist, beweist auch sein aktuelles Projekt in Aschersleben: Dort wird ein Plattenbau mit 81 Wohneinheiten energieautark saniert. Strom liefert eine PV-Anlage. Auf dem Dach und an den Fassaden sind Solarmodule montiert. Sie liefern 176 Kilowatt Leistung. Den übrigen benötigten Strom beziehen die Mieter für nur noch 40 Euro pro Wohneinheit und Monat aus regenerativen Quellen regionaler Anbieter. Das bedeutet: Null CO2-Ausstoß und schon jetzt die Erfüllung deutscher Klimaschutzziele für 2050.

Für die technische Umsetzung energieautarker Häuser ist dann ESS Kempfle zuständig. Von der Aufdachanlage über die komplette Haustechnik bis hin zum Energiespeicher im Keller und der Wallbox im Carport installiert das 150 Mitarbeiter große Unternehmen alle elektrischen und elektronischen Teile im Neubau. Dabei setzt Firmengründer Wolfgang Kempfle wie Leukefeld auf Low-Tec. Das hat neben günstigen Baukosten – Infrarotheizsysteme kosten im Einfamilienhaus bis zu 25.000 Euro weniger als wassergeführte Heizungen – auch den Grund, dass aktuell immer mehr und aufwändige Technologie in den Häusern verbaut wird.

„Doch so entsteht neben der Kaltmiete und der aktuell durch steigende Energiekosten explodierenden sogenannten zweiten Miete noch eine dritte Miete“, so der Betriebswirt. Diese dritte Miete sind Wartungskosten für High-Tech Wärmepumpen, Fußbodenheizungen und die dafür oft verbaute smarte Technik, über die diese Anlagen gesteuert werden. Hinzu käme laut Kempfle noch, dass es künftig viel schwieriger werden dürfte im Schadensfall oder für eine Wartung einen Monteur zu bekommen. Schon heute fehlen in Deutschland 120.000 Handwerker. Tendenz steigen.

Für die kommunalen Vertreter und Baugenossenschaften hatte Kempfle noch einen weiteren Aspekt im Gepäck. Wenn nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Quartiere ihren Energiebedarf selbst erzeugen, speichern und intelligent verbrauchen, erhöhe das die Attraktivität solcher Wohn- und Arbeitsviertel immens. Kempfle spricht hier von WGC, Wohn-Gebiets-Communitys. Diese könnten dann auch Schulen oder Kitas, ein Feuerwehrgebäude oder ein Bürgeramt mit gemeinsam gewonnenem Sonnenstrom mitversorgen. „So greift die energieautarke Versorgung über die eigene Wohnung hinaus und garantiert auch für Gemeinschaftsprojekte niedrige Versorgungskosten“, so der Chef von Energie-Service-Schwaben (ESS).

Mit Helmut Gruber reite sich am Energie- und Immobilientag der dritte Vortragende in die intelligenten Konzepte seiner Vorredner ein. Gruber gilt in Bayern als Koryphäe, wenn es um „Neues Leben für ehemalige Hofstellen“ geht. Der Augsburger Steuerberater spricht mit seinem Konzept Landwirte an, die ihren Betrieb einstellen wollen oder es bereits getan haben.

Dabei verweist der Fachmann auf neue Nutzungskonzepte, bei denen aus ehemaligen Schweineställe Yoga- und Fitnesszentren werden, Maschinenhallen zu Schreinereien umfunktioniert wurden und Scheunen als Landgasthöfe eine gastronomische Wiedergeburt erfahren. Dabei glänzt der Steuerfachmann mit tiefem Detailwissen und sorgt im Publikum immer wieder für Aha-Momente.

Denn oft würden vor allem ältere Bauern Umnutzungen ihrer Höfe skeptisch sehen, weil sie Angst vor hohen Steuern hätten. Doch über die geschickte Einteilung etwa in verschiedene Vermögensarten wie Landwirtschaftliches, Gewerbliches und Freiberufliches Betriebsvermögen lassen sich laut Gruber Steuern sparen. So können auch Kinder und deren Betriebe und Einkünfte von intelligenten Zuschreibungen profitieren.

In seinem Fazit verdeutlicht Gruber wie neben der Rente zweite Einkommensstandbeine entstehen, welche Rechtsformen sich etwa für Mietprojekte eignen und wann geplante Umnutzungen auch unter erbschafts- und schenkungs- steuerlichen Aspekten sinnvoll sind.

Letzterem Aspekt dem Vererben und Schenken widmet sich auch der letzte Vortrag des Tages von Tanja Weise von der Burggraf-Gruppe aus Augsburg. Die Steuerberaterin wirbt für das Regeln des Nachlasses zu Lebzeiten. Am Beispiel eines verheirateten, 50-jährigen Unternehmers mit zwei Kindern erläutert sie wann welche Überträge sinnvoll sind, zeigt auf mit welchen Freibeträgen zu rechnen ist und wie steuerfreie Szenarien kreiert werden können.

Ihre Essenz: Frühzeitig mit der Übergabe des Vermögens beginnen und Vorkehrungen für den Todesfall treffen. Das vermeide bestenfalls Streit unter Erben und der Nachlasser könne in seinem Sinne Vermögen verteilen. Wer diese Chance ungenutzt verstreichen lässt, riskiert neben Streit auch mögliche Steuerzahlungen, die unnötig sind.

www.ess-kempfle.de

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