Region: Aichach|Friedberg

Noch geht bei ihm die Post ab: Franz Reimer blickt auf 50 Jahre als Postbote zurück

Seit 42 Jahren ist Franz Reimer als Postbote in Mering unterwegs. Wenn er im Oktober in den Ruhestand geht, hat er fast 50 Dienstjahre voll

Nach knapp 50 Jahren im Zustelldienst verabschiedet sich Franz Reimer im Herbst in den Ruhestand. Vorher blickt er noch einmal zurück auf sein Leben als "Postler".

Fahrradtouren macht Franz Reimer in seiner Freizeit keine. Sein täglichen rund 24 Kilometer legt er im Dienst mit seinem gelben Postfahrrad zurück. Der Hofhegnenberger fährt in Mering die Post aus und das schon über 40 Jahre. Wenn der 64-Jährige im Herbst seine Austrägertasche endgültig an den Nagel hängt, dann kann er auf insgesamt knapp 50 Berufsjahre als „Postler“ blicken.

1971 begann Franz Reimer seine Lehrzeit in Augsburg, die er als „Postschaffner zur Anstellung“ beendete. Später wurde er zum Postoberschaffner, dann zum Posthauptschaffner befördert. „Damals war es nicht so einfach, einen Ausbildungsplatz zu finden. Viele Leute suchten Arbeit“, erinnert sich Reimer. „Von 60 Bewerbern wurde höchstens die Hälfte genommen“. Heutzutage kämpft die Post um Nachwuchs. Von hundert Auszubildenden bleibt nach Abschluss ihrer Ausbildung nur knapp ein Drittel im Betrieb. „Der Zustelldienst ist halt kein Zuckerschlecken“, stellt Franz Reimer klar. Zeitdruck und schwere Lasten setzten über die Jahre auch ihm gesundheitlich zu, weshalb er sich vor zwei Jahren für das Modell der Altersteilzeit entschied und nur noch jede zweite Woche arbeitet.

„Früher war ich Postbote, heute bin ich Werbeausträger“, bilanziert Franz Reimer. Briefe werden weniger geschrieben, doch die Prospektsendungen werden immer mehr. Seit einigen Jahren tragen die Zusteller zusätzlich zu Briefen auch Pakete bis zwei Kilo aus. „Gute 50 Kilo habe ich schon täglich auf meinem Rad“, schätzt der langjährige Postbote. Die drei Körbe vorne und hinten auf dem Fahrrad sind prall gefüllt. Ein E-Bike wollte Franz Reimer nicht, das sei dann zusätzlich schwer. Beispielsweise im Winter, wenn das Zweirad auf nicht geräumten Wegen auch geschoben werden muss. Bei Hitze ist die Arbeit ebenfalls anstrengend. Seit zehn Jahren hat Franz Reimer in Mering den Zustellbezirk 1 vom Postgebäude über die Münchner Straße bis zu Teilen im Unterfeld. Jeden zweiten Montag fährt er einen Doppelbezirk, weil der Kollege dann frei hat. „An diesen Tagen bin ich dann von halb 7 morgens bis etwa 16 Uhr unterwegs und habe gut 3000 Haushalte zu beliefern“, erklärt der langjährige Postbote. In der Weihnachtszeit wird’s auch mal 18 Uhr und manchmal fällt aufgrund der vielen Arbeit auch die halbstündige Mittagspause aus. „Schließlich warten viele auf ihre Post und werden ungeduldig, wenn der Briefkasten nicht zur gewohnten Zeit befüllt wird“.

Gute 1200 Haushalte beliefert Reimer heute

In der Früh heißt es an der Poststelle am Meringer Bahnhof erst einmal zwei, drei Stunden Vorarbeit leisten trotz Sortieranlage. Nach dem Sortieren geht Franz Reimer auf Tour. Unterwegs füllt er an fünf Stationen seine Körbe wieder auf. Als Postjungbote war er bei Berufseintritt zunächst in Augsburg im Innendienst und übernahm dann den Landbezirk von Mering. Mit seinem Dienstauto, einem gelben VW Käfer, fuhr er bis Baierberg und Reifersbrunn. Bei den Landfrauen gabs schon mal freitags ein frisches Kiacherl, erinnert er sich gern. Pakete und Briefe türmten sich in Kisten auf der Rückbank und auf dem Beifahrersitz. Man hat kaum aus dem Fenster rausgesehen“, erzählt Reimer. Später stieg er auf einen VW Bus um und danach fuhr er mit dem Fahrrad in Mering die Post aus. „580 Haushalte hatte ich zunächst, jetzt gute 1200“, sagt er.

Im Laufe seiner Dienstjahre durchlief Franz Reimer alle Bereiche der Zustellung und auch den Schalterdienst. Immer wieder sprang er auch zur Aushilfe oder Krankheits- und Urlaubsvertretung ein. „Eine Zeitlang hatte ich geteilten Dienst“, erzählt er. Vormittags war er als Eilbote unterwegs, mittags hatte er frei und stellte dann bis abends Pakete zu. „Da hat man auch mal ein 25 Kilo-Trumm in den dritten Stock ohne Aufzug getragen“, erinnert er sich. Er und seine Kollegen sind froh um die Paketzusteller von der privaten Konkurrenz. „Das würden wir ja gar nicht alles schaffen. Durch den Online-Handel hat das ja enorm zugelegt“. In seiner umfangreichen dreijährigen Ausbildung musste Franz Reimer auch noch die Zugverbindungen auswendig lernen. „Es wurde ja einiges per Bahnpost verschickt und wir brachten es zu den Waggons“.

Die Rentner erwarteten uns früher sehnsüchtig am Gartentor

Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist es auch, dass die Postboten vor etwa 30 Jahren auch noch das Zeitungsgeld oder die Rundfunkgebühr an der Haustür kassierten und sogar Renten bar ausgezahlt wurden. „Da hatten wir am Monatsende schon mal einige Tausend Mark Bargeld mit dabei und viele Rentner erwarteten uns schon sehnsüchtig am Gartentor. „Wir wurden dann von Sicherheitspersonal mit Pistole begleitet“, erinnert sich Franz Reimer. Heute ist man mit dem Handscanner unterwegs. „Keine Werbung“ steht an immer mehr Briefkästen. „Aber den Ikea-Katalog wollen sie trotzdem alle“, hat Franz Reimer festgestellt und schmunzelt.

Inzwischen hat sich sein bevorstehender Ruhestand herumgesprochen. „Wie lange kommst noch?“, fragen die Leute. „50 Jahre im selben Betrieb, das schafft heutzutage keiner mehr“, ist Reimer überzeugt. Seine Dienstmütze mit dem gelben Posthorn drauf hat er schon vor langer Zeit dem Theaterverein geschenkt. Auch die Uniformjacke mit den goldenen Knöpfen trägt er längst nicht mehr. (Heike John)

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