Region: Augsburger Land

Mit Johannes fing alles an: Die Schnitzkunst des Neusässers Siegfried Brain

Freie Mitarbeiterin Jutta Kaiser aus Neusäß
Vor 27 Jahren schuf Siegfried Brain als Autodidakt sein erstes Schnitzwerk. Als Vorlage nahm er sich den Hl. Johannes des berühmten Barock-Schnitzers Ignaz Günther. Dem Werk folgten in den weiteren Jahren zahlreiche schöne Schnitzereien und Malereien.

Der 85-Jährige aus Neusäß hat eine Vielzahl an Heiligenfiguren und Putten geschnitzt und sich dabei alles selbst beigebracht.

Das Haus des Ehepaars Inge und Siegfried Brain in Neusäß gleicht mehr einem Museum für sakrale Kunst. Zimmer und Gänge sind angefüllt mit zahlreichen Schnitzarbeiten. „Engelshaus“ nennt es Inge Brain wegen der Vielzahl der von ihrem Ehemann in allen Varianten geschnitzten Putten.

Bereits in seiner Kindheit war Siegfried Brains Liebe zur Kunst groß. Er hatte gerne gemalt und gezeichnet und mit den „drei kleinen Nashörnern“ bereits damals seine ersten Schnitzarbeiten angefertigt, erinnert sich der 85-Jährige. Da wäre sein Berufswunsch Architekt ideal gewesen. Doch sein Lebensweg führte weg von der Kunst. Siegfried Brain absolvierte eine Maschinenbaulehre und führte später ein Geschäft in München. Die Kunst begleitete ihn aber immer und blieb für ihn ein Hobby – zunächst.

Beim Stöbern in einer Münchner Buchhandlung im Jahr 1994 fiel ihm ein Buch über den Barock-Schnitzer Ignaz Günther in die Hände und nahm seine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Insbesondere die Figur des Evangelisten Johannes, die sich einst an der Kanzel der Kirche in München-Ramersdorf befand, hatte es Siegfried Brain angetan. Das Bildnis, entstanden um 1760, zeigt den Heiligen im Augenblick seiner Vision, als er der göttlichen Stimme hingebungsvoll lauschend im Schreiben innehält. „Genau dieser Gesichtsausdruck hat meinen Mann so fasziniert“, erinnert sich seine Frau noch ganz genau. Es schien fast als besondere Fügung, dass der Hobbykünstler nur kurze Zeit zuvor mit seiner betagten Mutter eine Bekannte in Oberbayern besucht hatte, die ihm die Schnitzwerkzeuge ihres verstorbenen Ehemannes überließ. Damit war seine alte Leidenschaft zum Schnitzen wieder geweckt. Sein erklärtes Ziel: den „Johannes“ schnitzen.

Inzwischen war das Original von Ignaz Günther im Maximilianmuseum in Augsburg ausgestellt. Brain verbrachte in dem Augsburger Museum viel Zeit, fotografierte die Statue von allen Seiten und machte sich intensiv mit der Heiligenfigur vertraut. Zeitgleich nahm er mit einem Schnitzer in Oberammergau Kontakt auf und ließ sich von dem Fachmann das für die Figur benötigte Holz zusammenleimen. Als dieser fragte, was daraus werden solle und der Hobby-Schnitzer ihm sein Vorhaben erklärte, lachte der Oberammergauer nur und war sich sicher, dass dies niemand schaffen könne.

Doch davon ließ sich der Schnitzanfänger nicht schrecken. Er arbeitete sich in die Schnitztechnik ein und brachte sich alle weiteren notwendigen Schritte wie Fassen und Vergolden bei. Bald fühlte er sich bereit, um die von ihm geplante Kunstfigur zu schaffen. Als Brain seinen „Johannes“ nach dessen Vollendung dem Oberammergauer Schnitzer präsentierte, konnte es dieser kaum glauben.

Seine neue, alte Leidenschaft ließ Siegfried Brain seither nie mehr los und er schuf zahlreiche weitere Kunstwerke. Für seine außergewöhnliche Begabung erntete der Autodidakt in der Kunstwelt immer wieder großes Erstaunen und viel Beifall. Unter anderem wurde er 2011 für seine Barock-Krippe mit dem 1. Preis, dem Lukas-Preis, in Mindelheim ausgezeichnet. Leider musste Brain vor Jahren seine künstlerische Arbeit wegen einer Makula Degeneration aufgeben.

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