Region: Augsburger Land

Schwabmünchner Archiv: "Geschichte ist Leben, nur früher"

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Freie Mitarbeiterin Nicole Fischer
Die Archivistinnen Carolin Nonino-Keiß (links) und Sabine Sünwoldt mit einer Urkunde aus dem Jahr 1618.

Das Archiv spielt eine sehr wichtige Rolle im Leben eines jeden Bürgers. Doch platzt das Archiv in Schwabmünchen aus allen Nähten. Schon lange gibt es keinen Platz mehr für neue Regale.

Knapp 80 Stufen muss man steigen, um ins Dachgeschoss des sogenannten Notariatsgebäudes, ins Stadtarchiv zu gelangen. Da ist man ganz schön aus der Puste. Auf dem Weg nach oben fragt man sich: "Was machen die Leute, die nicht so gut zu Fuß sind?" Im Stadtarchiv werden Akten und Urkunden verwahrt, um der Verwaltung und den Bürgern den Rückgriff auf rechtsgültige Vorgänge und Dokumente zu sichern. Die Archivarinnen Sabine Sünwoldt und Carolin Nonino-Keiß tragen ganz wesentlich dazu bei, dass wichtige Informationen und Nachweise für Bürger, Institutionen und Verwaltungen sowie für unterschiedliche Forschungsthemen authentisch vorgehalten werden und deren Zugänglichkeit dauerhaft gewährleistet wird. Mittlerweile verfügt das Archiv über circa 800 laufende Regalmeter Aktenbestände. Ob Stadtratsprotokoll, Notariatsurkunde, Eintrag in der Einwohnermeldekartei, ob polizeiliches Verhör, Rechnungsbücher der Gemeinde oder Denunziantenbrief – zu unendlich vielen Fragen bieten die im Stadtarchiv verwahrten Bestände unendlich viel Informationen. Das älteste Dokument ist eine sehr gut erhaltene Urkunde aus dem Jahre 1618.

Ein erstaunliches Wissen lagert im Stadtarchiv. So kann das Archiv den Bürgern zum Beispiel hilfreich sein, wenn es um den Nachweis von Haus- und Grundeigentum geht, um Adoptionsvorgänge, um den Rentennachweis oder um Geburtsurkunden. Manch einer benötigt Informationen über die Familienchronik. Erst dann lernt man die Arbeit und die Existenz eines Stadtarchives kennen und schätzen. Wenn jemand hier einmal etwas gesucht oder mit dem Archiv zusammen gearbeitet hat, wird eine Notwendigkeit des Archivs nicht mehr bezweifeln. Um Auskunft zu erhalten, muss man sein Anliegen schriftlich, oder per E-Mail mitteilen. Daraufhin wird eine Vorrecherche gestartet. Anschließend wird das weitere Vorgehen besprochen.

Uralte Magistrats-Sitzungsprotokolle, Plakate, Landkarten

Sogar aus Israel kamen schon Anfragen. In den Archivräumen lagern uralte Magistrats-Sitzungsprotokolle, Plakate, Bauzeichnungen per Hand erstellt, Landkarten und auch Chroniken sämtlicher Vereine. "Als eines der ersten kleineren Archive in Bayern hatte das Schwabmünchener Archiv ein gedrucktes Archivinventar", berichtet Sünwoldt stolz. Darin ist der ganze Altbestand des Archivs aufgelistet. Von den Urkunden bis zu den "normalen" Akten und Daten. Dabei darf man das Archiv nicht mit einer Bibliothek verwechseln. Hier sind keine gebundenen Bücher zu finden, sondern einzelne Schriftstücke und wenn gebunden, dann nicht gedruckt. Bei der Verwaltung der Schriftstücke wurde bis zum Jahr 2000 mit Karteikarten gearbeitet, danach erfolgte die Umstellung auf ein EDV-Verzeichnis. Diese beiden Systeme werden zur Auffindung und Recherche genutzt. Neben den Hauptaufgaben einer Archivarin, wie der Übernahme archivreifen Schriftgutes, der Bewertung und Erschließung der Informationen sowie der Beratung und Recherche, Bewahrung und Bereitstellung der Informationen für die Nutzung und Auswertung, etwa für Nachweisführungen, Rechtewahrung und Öffentlichkeitsarbeit, muss immer wieder die Frage nach der Rechtsgültigkeit, der Wichtigkeit für die Verwaltung und der historischen Forschung für die Interessen der zukünftigen Generation gestellt werden."Die Fragestellung, die wir heute an die Geschichte stellen, gab es vor 50 Jahren noch nicht. Wir möchten auch nicht der Forschung der Zukunft im Wege stehen", so Sünwoldt.

Nun ist es jedoch offensichtlich, dass das Archiv aus allen Nähten platzt. Schon lange gibt es keinen Platz mehr für neue Regale. Die Kartons müssen ungeöffnet meterhoch gestapelt werden. Mehr Raum wäre nötig, um dieses wichtige Gut weiterhin zur Verfügung stellen zu können. An eine archivgerechte Aufbereitung zur Benutzung ist bei diesen Beständen nicht zu denken. „Ein weiteres Problem kommt hinzu. Wenn wir das Aktengut nicht von Plastikteilen, Folien und rostenden Büroklammern et ceterea befreien und archivgerecht verwahren können, ist auch konservatorisch der Erhalt der Dokumente langfristig nicht garantiert“, erläutert Sünwoldt.

"Es ist wie beim Klimawandel: Solange es noch nicht offensichtlich ist, glaubt man, man hat mehr Zeit als man wirklich hat", ergänzt sie. „Doch jetzt ist es tatsächlich so weit, dass wir nicht mehr wissen wohin mit den laufenden Ablieferungen von Aktengut.“ Einfach aufhören Akten zu übernehmen, sei keine Alternative. „Jede Gemeinde ist ja verpflichtet, ein Archiv zu führen und Akten, die nicht mehr in der Verwaltung bleiben müssen, dem Archiv zu übergeben." Die Archivarinnen sind froh, dass die Ablieferung durch die Abteilungen der Stadtverwaltung Schwabmünchen so gut klappt und die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Archiv so reibungslos funktioniert. "Doch nun gibt es einen Stau, den wir natürlich nicht gerne unseren Nachfolgern ,vererben' möchten", sagt Sünwoldt. Bei der Stadtverwaltung treffen die Archivarinnen mit ihrem Wunsch auf offene Ohren. „Die Stadt versteht das Problem und sucht schon seit Jahren nach Möglichkeiten, das Archiv zu erweitern oder zu verlegen. Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass bald eine Lösung gefunden wird.“

Bis dahin setzen die Archivarinnen alles daran, den gewohnt hohen Standard in der Benutzerbetreuung aufrecht zu erhalten und auch das breite Veranstaltungsangebot des Archivs unter räumlich immer beengteren Verhältnissen weiterzuführen. So wird es auch weiterhin Führungen geben und Archiv-Kurse zum Lesen alter deutscher Schreibschrift, zur Einrichtung eines Privatarchivs oder zum Umgang mit alten Fotos. Es wird bald ein neues „historisches Sightseeing“ geben und eine Neuauflage der „Geschichtsgespräche“ - beides wird allerdings aus Raumnot ins Museum verlegt. Auch an einem weiteren Workshop für Hobby-Historiker arbeiten die beiden Archivarinnen bereits, obwohl der Aufstieg zum Archiv für ältere und gehbehinderte Teilnehmer immer ein großes Problem darstellt. Zu wichtig ist es den Archivarinnen, das Archiv nicht nur als „Altakten-Registratur“ zu führen, sondern auch als Begegnungsstätte. Nicht umsonst gab Sabine Sünwoldt dem Stadtarchiv das Motto „Geschichte ist Leben, nur früher“.

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